Donnerstag, 20. September 2018

„Einfach ausgedrückt“: Tag Eins – der Kampf gegen Zoppo Trump

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Was machen die Hände, wenn kein Glimmstengel mehr da ist?

Guten Tag!

Weinheim, 09.Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. Dafür schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fühlt. Sie schreibt übers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten anzufangen. Oder ists umgekehrt? Schreibt sie übers Anfangen, um aufzuhören? Wir alle drücken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche Hürden sie dabei zu überwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch für alle, die es auch schon lange tun wollen: „Einfach ausdrücken“. Tag Eins.

Von Marietta Herzberger

Als heute morgen mein Wecker klingelte, war mein erster Gedanke: Heute geht es los! Heute ist der erste Tag ohne Zigarette. Sofort meldete sich mein persönlicher Schweinehund – ich nenne ihn Zoppo Trump – und gab zu bedenken: Der erste Kaffee ohne die geliebte Zigarette schmeckt nicht!

Ich ignorierte ihn tapfer. Nach nur einem Augenblick war er weg. Huch? Das war jetzt aber einfach. Kann so weitergehen, dachte ich mir.

Wer Zoppo Trump nicht kennt: Zoppo war der kleine, miese, fiese, unsympathische Widersacher vom „Kleinen König Kalle Wirsch“ aus der Augsburger Puppenkiste.

Ich finde, das passt ganz gut. Auch ich kämpfe nun täglich gegen meinen kleinen, miesen, fiesen, unsympathischen Rauchelf, der mir hinterlistigste Fallen stellt.

Im Auto ließ ich wie gewohnt die Fensterscheibe hinunter, so wie ich es immer machte, um mir dann eine anzünden zu können. Nur heute zündete ich keine an. Zoppo flog kurz durch meinen Kopf.

Das war gestern. Die Kippe im Mund.

Erstmals registrierte ich, dass der Wagen leicht nach Rauch müffelte. Nach kaltem Rauch. Nicht, dass ich dieses Geruch bislang noch nie wahr genommen hätte – doch gestern überlagerte ich den Geruch des alten Rauches mit frischem Rauch. Wobei wir „frischen Rauch“ genau dort einordnen können, wo sich die „geraden Kreise“ befinden.

Buschfunk im Raucherzimmer

Bald war das erste Drittel des Vormittags geschafft. Meine Kollegin war ohne mich „eine rauchen“. Ich schaute ihr wehmütig hinterher. „Still im Aug-´ erglänzt die Träne …“.

Wen wird sie treffen? Mit wem wird sie sich unterhalten? Man darf diesen Buschfunk im Raucherzimmer nicht unterschätzen! Wertvolle Informationen werden „mal eben schnell“ ausgetauscht.

Fast könnte man sagen, die wirklich wichtigen Dinge werden im Raucherzimmer entschieden. Man kennt sich, man mag sich, denn – man hat etwas gemeinsam. Die Sucht. Sie verbindet, sie schweißt zusammen, sie signalisiert: Du und ich – wir sind vom selben Schlag.

Das macht den Informationsfluss flüssiger, die kurze Zeit im ungemütlichen, stinkenden Raucherzimmer mit stets übervollen Aschenbechern und vergilbten Wänden erträglicher. Und es entwickelt sich eine eigene Routine.

Was spielt sich im Kopf ab? Ist es nur Wille? Sinds die Botenstoffe?

Seltsamerweise sind die Abstände zur Nikotinauffüllung fast annähernd die gleichen. Das ist schön. So trifft man sich immer wieder zu festen Zeiten. Es hat so etwas Verlässliches. Das freut Zoppo und er meint triumphierend: Rauchen macht glücklich, denn rauchen bedient das Belohnungszentrum im Gehirn und lässt Botenstoffe wie Dopamine, Noradrenaline, Serotonine und Endorphine wasserfallartig deinen Körper – und durch Überwindung der Blutschranke – auch dein Gehirn in Beschlag nehmen.

„Halt-´s Maul, Zoppo!“

Endorphine und Serotonine schütte ich beim Sport heute Mittag aus. Die gut 150 bis 200 Kalorien, welche mir der, durch den Nikotinentzug verlangsamte, Stoffwechsel täglich oben drauf gibt, verbrauche ich locker, wenn ich ungefähr 15 Minuten länger laufe, als ich es normalerweise tun würde. Damit lässt sich leben. Und die Endorphin-Gratis-Portion gibt es obendrauf. Weitere Serotonine hole ich mir über Kiwis, Bananen, Ananas, Tomaten, ein wenig Schokolade, Walnüsse, Kakao. Alles lecker und gesund.

Das Dopamin ist laut IFG (Institut für Gesundheitsökonomik) München ein Verführer, bei dessen Anblick sich die Damen wahnsinnig gut fühlen. Mister „Dop“ löst Wollen aus, freudige Erwartungen, Begehren. Er gibt uns Antrieb und Erregung und erhält diese Zustände aufrecht. Ohne ausreichend Dopamin sind wir träge, lustlos und schlecht drauf. Aber Milch, Eier, Kartoffeln, Reis, Käse, Nüsse und Bier sollen da ein wenig Abhilfe schaffen können.

Zoppo sitzt vor mir auf der Tastatur

Puh, der Gedanke an eine Zigarette – vielmehr an die Inhalation von Rauch – kommt jetzt öfter hoch. Zoppo sitzt vor mir auf der Tastatur, hat die Arme verschränkt und meint lächelt wissend: „Na komm, du willst es doch auch!“ Meint er. „Nö, will ich nicht!“, denke ich, wische ihn mit einer Handbewegung zur Seite und stecke mir ein Stück Ananas in den Mund. Natürlich muss ein Ersatz her! Ananas ist besser als Schokolade. Zudem ist der halbe Vormittag rum und ein Liter Wasser ist schon getrunken. Ananas und Wasser. Das ist verdammt gesund.

Mein erster Tag neigt sich dem Ende entgegen. Ich bin müde, obwohl es erst kurz vor zwanzig Uhr ist. Das könnte daran liegen, dass ich heute die kleinen Zigarettenpausen mit Kaffee auf der Terrasse ausgelassen habe.

Mindestens drei davon fehlen mir. Drei Pausen mit der Tasse in der einen, der Zigarette in der anderen Hand. Hier nippen, da ziehen und dabei in die Ferne schauen. Entspannen. Den „Geist fließen lassen“.

Das hat mir heute gefehlt. Also bin ich jetzt müde, weil mir „diese Entspannung“ fehlt. Ob dabei dann eine Zigarette die Rolle gespielt hätte, wage ich anzuzweifeln. Morgen werde ich es ausprobieren.

Ganz oft streifte mich heute ein Gefühl, welches ich mit „Ich könnte jetzt eine rauchen“, umschreiben würde. Immer in bekannten Situationen. Ignorieren hilft. An etwas anderes denken, etwas anderes tun hilft. Einmal packte mich heute der Yeeper, die Schmacht, das Verlangen.

Das erste Jammertal war durchschritten!

„Ich MUSS jetzt eine rauchen. SOFORT!“ Das war heute Nachmittag. Ich verkaufte brav den Kuchen in der Schule meiner Tochter. Es war laut, es war voll, es war schwül. Ich war umgeben von köstlichstem Kuchen, Torten, Muffins, Brownies. Und ich hatte Hunger!

Es war Zeit, eine zu rauchen. Ging nur nicht so ohne Zigaretten, ohne Feuerzeug. Kurze innerliche Hitzewallung, kurzes Erzittern. Nur weg mit den Gedanken. Wohin? Sie möchten noch ein Stück Kuchen? Marmor? Bitte sehr. Einen Euro. Danke. Puh, das erste Jammertal war durchschritten. Der Yeeper weg und Zoppo sauer. Recht so.

Gestern war das recht so - heute fehlt was? Oder hat Marietta etwas verloren und dadurch gewonnen?

Wissen Sie was? Für heute ist es Zeit für mich, mir selbst auf die Schulter zu klopfen.

Direkt nach dem Büro bin ich in meine Joggingklamotten gesprungen. Brustgurt um, Pulsuhr an, Hund geschnappt und los. Eine Stunde trabte ich in dieser schwülen Hitze locker vor mich hin. Ich bildete mir ein, es schon zu spüren, das rauchfreie Leben.

Der Atem floss irgendwie leichter und der Puls war definitiv einige Schläge niedriger als sonst. Zwar lief ich nicht schneller, jedoch leichter. Die ersten zwanzig Minuten packte mich eine enorme Euphorie und gab mir das Gefühl, stundenlang weiterlaufen zu können. Die Hitze regulierte das dann ab Minute Fünfundzwanzig. Trotzdem: Es lief sich leichter! Ja, Zoppo, grins Du nur und zweifle. Das ist mir egal.

Und irgendwie bin ich überrascht. Schon oft ich den Absprung versucht. Oft bin ich bereits in den ersten zwei bis drei Stunden umgefallen. Heute nicht. Warum nicht? Was ist anders? Vielleicht will ich es dieses Mal wirklich.

Wann spürt man vorher, ob bei diesem Versuch nun der Wille ausreicht? Gar nicht, denke ich. Einfach machen. Der erste Tag wird es zeigen.

Heute war mein erster Tag. Ich bin hundemüde und irre stolz auf mich! Das ist ein gutes Gefühl. Probieren Sie es aus. Es ist besser, als das Gefühl während der Zigarette. Viel besser.

Eure Marietta

Anmerkung der Redaktion:
Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger macht den Selbstversuch – sie beginnt neu als Nichtraucherin. Und hört auf, Raucherin zu sein. Darüber schreibt sie so, wie sie das möchte. Am Anfang vermutlich täglich, so hat sie sich das vorgenommen, später immer dann, wenn es „was neues“ gibt. Die Texte sind einen Tag „versetzt“, weil sie ja erst am Ende des Tages schreiben kann, was sie in ihrem neuen rauchfreien Leben erlebt hat.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.