Sonntag, 19. November 2017

Das Dilemma des Journalismus sind die so genannten Journalisten und vor allem „zg“

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Guten Tag!

Ladenburg, 09. Juni 2010. Wir haben vor gut einem Monat schon einmal ├╝ber eine Unsitte des Mannheimer Morgen berichtet und heute m├╝ssen wir das wiederholen. Denn die Zeitung tut oft nur so, als w├╝rde sie journalistisch informieren.

Von Hardy Prothmann

Journalist kann in Deutschland jeder B├╝rger und jede B├╝rgerin sein. Journalist ist n├Ąmlich keine gesch├╝tzte Berufsbezeichnung. Wenn Sie so wollen, k├Ânnte man (Bild)titeln: „Wir sind Journalist“. Wir alle. Jeder einzelne.

Das garantiert Artikel 5 Grundgesetz ├╝ber die Meinungsfreiheit. Danach k├Ânnen alle B├╝rgerInnen ├╝ber alle vorhandenen „Kan├Ąle“ ihre Meinung ├Ąu├čern – eine staatliche Zensur findet nicht statt. Und das ist gut so.

Sicher haben Sie auch schon von „B├╝rgerjournalisten“ geh├Ârt. Vorreiterin und Erfinderin dieser neuen journalistischen Spielart ist die Bildzeitung. Der geht es nicht um B├╝rger und schon gar nicht um Journalismus, sondern vor allem um „exklusive“ Dinge – vornehmlich Fotos, die die Zeitung gerne mit gutem Geld bezahlt, vor allem dann, wenn es um „Exklusives“ geht – B├╝rger und Journalismus sind der erfolgreichsten Zeitung Europas dabei egal. Es geht um Auflage, Werbeeinnahmen, ums Gesch├Ąft.

Bild-Insider wissen, was sich gut verkauft: TTT- Tiere, Titten, Tote.

Ob man dieses „Gesch├Ąftsmodell“ nun gut findet oder nicht – Journalismus ist ein „Business“, ein Gesch├Ąft. Typischerweise finanziert ├╝ber Werbung – wobei die Trennung zwischen Anzeigen und Redaktion als Status quo gilt, was aber fl├Ąchendeckend nur ein Mythos ist.

Wer guten Journalismus machen will, muss personalintensiv arbeiten. Von ├╝berall her gibt es Informationen. Professioneller Journalismus pr├╝ft diese, ordnet sie ein, gibt ihnen ein Gewicht.

Informationen sind sehr vielf├Ąltig und das macht auch den Reiz des Journalismus aus. Was steht fest? Was muss man anzweifeln? Was tiefer recherchieren? Was wie darstellen?

Fragen zu stellen und Antworten zu finden – das ist Journalismus. Ein Job, den jeder B├╝rger erledigen kann – wenn er bereit ist, sich viel Arbeit zu machen.

Aber es geht auch einfacher. Vor allem f├╝r so genannte Journalisten – die lassen n├Ąmlich die Arbeit machen.

Zum Beispiel bei Vereinen. Dort gibt es „Pressewarte“ – die schreiben auf, was im Verein passiert oder was der Verein vorhat. Das ist absolut richtig und legitim. Man informiert die ├ľffentlichkeit und das nat├╝rlich „positiv“.

Das machen Gemeinden, Regierungen und Firmen nicht anders. Alle machen das.

Auch wir ├╝bernehmen redaktionell immer wieder ungepr├╝ft „Informationen“ – wenn diese eindeutig sind.

Es gibt allerdings einen eklatanten Unterschied zwischen unserer redaktionellen Arbeit und der der Tageszeitungen, speziell der des Mannheimer Morgens.

Wir tun nicht so, als ob. Wir k├Ânnen nicht ├╝berall an jedem Ort zu jedem Thema pr├Ąsent sein. Trotzdem k├Ânnen wir zu jedem Thema an jedem Ort berichten – indem wir recherchieren.

Ungepr├╝fte Informationen werden von uns niemals als redaktionelle, also gepr├╝fte, Informationen dargestellt. Der MM bedient sich hier eines „Tricks“. Texte von Vereinen, Institutionen, Beh├Ârden oder Firmen werden mit „zg“ gekennzeichnet.

Der unbedarfte Leser denkt vielleicht, dass das K├╝rzel f├╝r einen Journalisten steht – dem ist aber nicht so. „zg“ hei├čt „zugeschickt“.

Jeder Artikel – und davon hat es heute viele – im MM, der das K├╝rzel „zg“ tr├Ągt, ist eine mehr oder weniger 1:1-├ťbernahme eines nicht journalistisch ├╝berpr├╝ften Textes, der so tut, als sei er ein redaktioneller Text, denn immerhin steht ein „K├╝rzel“ darunter.

Ganz konkret und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, werden damit die LeserInnen „verarscht“.

Sie glauben das nicht? Dann machen Sie sich einen Spa├č draus.

Fragen Sie Ihre Kinder, Nachbarn, Kollegen, wen auch immer, was „zg“ hei├čt.

Wir verfahren anders. „zg“ ist f├╝r uns ein „No-Go“.

Auch wir ver├Âffentlichen ab und an „zugesandte Mitteilungen“ – von der Gemeinde, von Vereinen oder von anderen.

Wir nennen die Quelle und wenn es notwendig ist, recherchieren wir nach und ver├Âffentlichen zus├Ątzliche Informationen.

Der Mannheimer Morgen tut so, als w├╝rde er seine LeserInnen aus eigener redaktioneller Kompetenz informieren – heute ├╝berwiegend mit „zg“.

Ich pers├Ânlich finde es schade und bedenklich, dass eine Zeitung, die journalistisch ernst genommen werden will, nicht in der Lage ist, seine offensichtlichen Quellen zu nennen, sondern sich hinter einem „Pseudo“-K├╝rzel wie „zg“ versteckt.

Das ist armselig, schwach und feige.

Leider gilt diese Einsch├Ątzung f├╝r viele der Journalisten in unserem Berichtsgebiet, f├╝r deren Redaktionsleitungen und f├╝r deren Produkte.

Ein aufrechter Journalismus benennt seine Quellen – au├čer, wenn er diese sch├╝tzen muss, weil die „Quelle“ Nachteile bef├╝rchten muss.

Journalismus ist das Gesch├Ąft mit Informationen. Glaubw├╝rdiger Journalismus lebt von Transparenz.

Es gibt f├╝r kein Medium dieser Welt einen Grund, unproblematische Quellen zu verschweigen.

Au├čer f├╝r Tageszeitungen, die schon seit vielen Jahren ihre Inhalte nicht journalistisch, sondern „zugeschickt“ best├╝cken und so tun als ob es „journalistisch-erarbeitete“ Informationen seien.

Dazu geh├Ârt der Mannheimer Morgen, der einen sehr „flei├čigen Mitarbeiter“ hat, dessen „K├╝rzel“ „zg“ ist.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • kompakter

    hallo,

    ich habe mich auch immer gewundert, wer zg ist. im april habe ich aber den artikel im heddesheimblog gelesen und wusste das schon.
    macht weiter so – mein MM-Abo habe ich gek├╝ndigt udn der wer die ladenburger zeitung kauft ist selbst schuld.

    gru├č

  • Steffen

    Leider ist „zg“ aber auch f├╝r viele Vereine die einzige Chance Nachrichten, Bekanntmachungen, also Werbung f├╝r sich in einer Zeitung zu platzieren.

    • Dasladenburgblog

      Guten Tag!

      Danke f├╝r Ihren Beitrag.

      Es geht dabei nicht nur um Vereine, sondern um alle „fremden“ Texte, die nicht durch Journalisten und Redakteure des Mediums erarbeitet wurden.
      Auch das ladenburgblog bringt ab und an fremde Meldungen und stellt diese 1:1 in einen Artikel, wenn die Aussagen eindeutig sind und nicht bearbeitet werden m├╝ssen. Beispiel: Von-bis wird eine Stra├če gesperrt.

      Wir setzten da aber kein redaktionelles K├╝rzel drunter, dass so aussieht wie die Abk├╝rzung eines Namens, sondern ordnen den Text ein: „Information der Stadt, Information der Polizei“ und so weiter.

      Das ist tranparent, ehrlich und f├╝r die LeserInnen nachvollziehbar.

      Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
      Das ladenburgblog

  • steffen

    Wenn ein Vereins-Journalist den Text schreibt, um ihm der Zeitung zur Verf├╝gung zu stellen, dann kann die Zeitung den Text doch ver├Âffentlichen. Warum sollte dann das K├╝rzel des Vereins-Schreibers auftauchen, obwohl dieser nicht Mitarbeiter der Zeitung ist. Das Problem ist ein Scheinproblem, da sich jeder interessierte bei den Zeitungen nach den K├╝rzeln erkundigen kann.

    • Dasladenburgblog

      Guten Tag!

      Danke f├╝r Ihren Beitrag.

      Was Sie als „Scheinproblem“ bezeichnen, findet in deutschen Tageszeitungen t├Ąglich statt. Auch die „Deutsche Presse-Agentur (dpa)“ ist kein „Mitarbeiter“ der Zeitungen, sondern ein Dienstleister.

      Typischerweise werden Bilder und Texte der dpa korrekt mit dem K├╝rzel gekennzeichnet. Immer wieder werden aber die jeweiligen Verfasser als „Mitarbeiter dieser Zeitung“ ├╝ber einen Artikel geschrieben – auch das eine T├Ąuschung der LeserInnen.

      Ebenso verbreitet ist die Praxis, einen Agenturtext zu nehmen, diesen ein wenig zu ver├Ąndern und dann den Namen eines „tats├Ąchlichen“ Mitarbeiters oder Redakteurs dar├╝ber zu schreiben.

      In allen F├Ąllen werden die LeserInnen get├Ąuscht.

      Wenn das f├╝r Sie ein „Scheinproblem“ ist, sind sicherlich auch damit einverstanden, dass Werbe- und PR-Texte nicht deutlich gekennzeichnet werden m├╝ssen – man k├Ânnte ja bei der Zeitung anrufen und sich ├╝ber den wahren Urheber erkundigen.

      Einen sch├Ânen Tag w├╝nscht
      Das ladenburgblog

      • Steffen

        Daher muss bei Werbe und PR-Texten das Wort -Anzeige- klar erkenntlich angebracht werden. Seri├Âse Zeitungen arbeiten zumindest so.