Freitag, 21. September 2018

Wo war eigentlich der MM in Sachen „Altwasser“? – Offener Brief an die „Lokalredaktion“

Print Friendly, PDF & Email


40 Jahre "Planung" bis zur "RechtskrÀftigkeit"? Das Gewerbegebiet Altwasser hat das geschafft. Bild: local4u

Ladenburg, 08. September 2011. (red) Der Mannheimer Morgen „berichtet“ heute zu einem Fall, der ein Skandal ist. Doch dieses Wort kommt im Bericht nicht vor. DafĂŒr jede Menge PlatitĂŒden. Und die Perspektive ist erschreckend. Sie folgt „Problemen“ der Stadtverwaltung, der Planer und der Industrie. Die Sicht von BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern spielt genau keine Rolle.

Von Hardy Prothmann

Die „Themenseite“ des MM-Redakteurs Hans-JĂŒrgen Emmerich ist ein Paradebeispiel fĂŒr die Entfremdung der Lokalzeitungen von ihren eigentlich wichtigsten Kunden – den Leserinnen und Lesern.

Glauben Sie tatsÀchlich, dass Ihre Leserinnen und Leser so dumm sind, Ihrem Artikel auch nur im Ansatz zu folgen? Ihre kruden Gedanken nachzuvollziehen? Anscheinend glauben Sie das, sonst hÀtten Sie das alles nicht so aufgeschrieben.

Zum Text:

Mit der öffentlichen Bekanntmachung ist vor wenigen Tagen vollendet worden, was vor fast 40 Jahren begonnen worden war: Der Bebauungsplan fĂŒr das Industriegebiet Altwasser in Ladenburg ist rechtskrĂ€ftig. Kein anderer Bebauungsplan in der Stadt – und vermutlich weit darĂŒber hinaus – hat eine solch lange Zeit der Planung hinter sich.

Lesen Sie diesen Einstiegssatz nochmal ganz genau. 40 Jahre „Planung“? Meint Hans-JĂŒrgen Emmerich das wirklich ernst? Oder hat er nur die „AnfĂŒhrungszeichen“ vergessen?

Es ist ein Skandal und ein Zeichen von fortgesetzter Inkompetenz, Unvermögen im Amt oder hanebĂŒchener Schlamperei, wenn die verantwortlichen Personen 40 Jahre benötigen, um einen Bebauungsplan „rechtskrĂ€ftig“ zu machen.

Ohne auch nur ein Detail zu kennen ist das der einzig naheliegende Schluss. Jeder Garagenbauer, jeder Giebelkonstrukteur, jeder Sonnenkollektoranbringer muss sich mit vielen Vorschriften auseinandersetzen und die Chancen, etwas verboten zu bekommen, stehen gut.

Könnte es sein, dass Industriebetriebe, mit viel Geld, Verbindungen zu „wichtigen Leuten“, anders behandelt werden?

Eine solch naheliegende, deutliche EinschÀtzung fÀllt dem MM-Redakteur nicht ein. Er fragt zahm:

Woran also lag es? André Rehmsmeier, seit Ende 2004 Stadtbaumeister von Ladenburg, kann nur fĂŒr die letzten Jahre sprechen. Er verweist auf Wechsel bei den Fachplanern, auf einen neuen LĂ€rmgutachter und auf die Abstimmung mit den Firmen im Plangebiet.

Ist da so einfach? Kann man sich aus der Verantwortung stehlen mit dem Argument, „die Fachplaner haben gewechselt“? Der „LĂ€rmgutachter war neu“? Oder gar auf eine „Abstimmung (sic!) mit den Firmen“?

Aus Sicht eines willfÀhrigen Journalisten liegt die Lösung auf der Hand:

Denn obwohl der Bebauungsplan erst jetzt Rechtskraft erlangte, gibt es die chemische Industrie an diesem Standort schon seit Jahrzehnten.

Na dann ist doch alles klar. Weil es „die Industrie schon seit Jahrzehnten gibt“, ist es halt schwierig, einen rechtskrĂ€ftigen Bebauungsplan zu entwickeln. Gehts noch?

Es geht – noch weiter mit dem wahnwitzigen Bericht:

Was also bringt der Plan dann ĂŒberhaupt? Rehmsmeier nennt als einen Vorteil die Sicherung des Bestands der Betriebe. Denn Bauvorhaben innerhalb des Planbereichs waren zuletzt immer schwieriger.

Der „Journalist“ Emmerich bemĂŒht sich keinen Augenblick, auch nur eine kritische Frage zu stellen. „Sicherung des Bestands“ heißt umgekehrt, dass der Bestand unsicher war. Warum wohl? Eventuell, weil Vorschriften nicht eingehalten wurden? Weil wild gebaut werden konnte? Unkontrolliert? Weil man Fakten um Fakten geschaffen hat und am Ende mit der Tatsache drohte – entweder es wird genehmigt oder wir schließen? Das ist nur eine vollkommen unbegrĂŒndete Spekulation – aber könnte das so sein? Diese Fragen werden nicht gestellt, Antworten folglich auch nicht gesucht.

DafĂŒr aber die „richtigen“ Antworten munter und recherchefrei kolportiert:

Außerdem sieht der Stadtbaumeister nun die LĂ€rmproblematik fĂŒr die Nachbarn in der Weststadt geklĂ€rt. „Jetzt sind Obergrenzen festgelegt“, erklĂ€rt er.

FĂŒr die „Nachbarn“ ist also durch die Festlegung der „Obergrenzen“ alles „geklĂ€rt“. Ist das so? Obergrenze heißt bis an die Grenze des „Erlaubten“. Was bedeutet das? Das interessiert Herrn Emmerich nicht. Es geht ja nur um „Nachbarn“. Die sind vielleicht MM-Abonnenten, aber die sollen die Zeitung bezahlen und nicht mitreden.

Genau jene Grenzwerte sorgten laut Stadtbaumeister zum Schluss immer wieder fĂŒr Probleme unter den Betrieben. LĂ€rmkontingente mussten unter ihnen verteilt werden, und das war offenbar höchst strittig.

WĂ€hrend die EinschĂ€tzung der „Nachbarn“ nicht interessiert, geht es also um den Streit, wer in Sachen „LĂ€rmkontigent“ am meisten Krach machen darf – auf Kosten der anderen. Die armen, armen Betriebe. Man stelle sich den Stress vor: „Wieso darf der lauter als ich?“

Ende gut, alles gut. 40 Jahre Inkompetenz finden aus Sicht des MM ein gutes Ende:

Am Ende sei es so gekommen, wie die Stadt es schon vor zwei Jahren vorgeschlagen habe, berichtet Rehmsmeier.

Ah, die Stadt hat also letztlich doch Kompetenz gezeigt. Mit einem Vorschlag. Vor zwei Jahren. Wie lautete der noch gleich? Kein Wort dazu. Auch kein Link – ist ja ne Zeitung und kein Internet.

Die nĂ€chsten SĂ€tze werden vor allem Steuerzahlern und „Nachbarn“ gefallen:

Ob er nun erleichtert ist? „NatĂŒrlich“, gesteht Rehmsmeier. Denn die Rechtskraft des Bebauungsplans sei letztlich auch ein StĂŒck Wirtschaftsförderung. Und das war nicht billig. Auf rund 200 000 Euro beziffert der Stadtbaumeister allein die Planungskosten, und diese können nicht auf die Nutznießer umgelegt werden.

Wie jetzt? Herr Rehmsmeier kann nur fĂŒr seine Amtszeit sprechen? Gelten die 200.000 Euro fĂŒr die letzten zwei Jahre, seine Amtszeit von sieben Jahren oder fĂŒr die 40 Jahre? Sollten sie fĂŒr 40 Jahre gelten, ist das nicht teuer und man fragt sich, wieso Herr Rehmsmeier nur fĂŒr sieben Jahre spricht. Sollten sie fĂŒr die vergangenen zwei Jahre gelten, ist das richtig teuer und die Frage ist, was fĂŒnf Jahre vorher und 33 Jahre vorher schon an „nicht umlegbaren“ Planungskosten entstanden ist. Fragen, die der MM-Redakteur Emmerich nicht stellt. Vielleicht ist das einfach zu kompliziert fĂŒr ihn.

Immerhin nimmt er den Brotkrumen auf und berichtet ĂŒber Kosten, die die Firmen ĂŒbernehmen mĂŒsssen:

Wohl aber jene fĂŒr die Ausgleichsmaßnahmen. Was die Stadt investiert, um den Eingriff in die Landschaft hier an anderer Stelle
auszugleichen, das mĂŒssen die Firmen mittragen. Entsprechende Bescheide werden gerade erstellt.

Na, da gewinnt man doch den Glauben in eine „funktionierende BĂŒrokratie“ zurĂŒck. 40 Jahre Schlamperei und am Ende zahlen die Firmen wenigstens die „Ausgleichszeche“ – wie hoch die ist? Kein Frage dazu.

DafĂŒr endet der Artikel in einer Art „Happy End“:

FĂŒr die Ausgleichsmaßnahmen hat die Stadt im Geltungsbereich des Bebauungsplans und außerhalb FlĂ€chen erworben. Dazu zĂ€hlt laut Rehmsmeier auch eine Nasswiese
nahe der Autobahn 5, eine jener FlĂ€chen, die hĂ€ufig unter Wasser steht. Sie wird kĂŒnftig nicht mehr landwirtschaftlich genutzt, sondern bleibt nun Fauna und Flora vorbehalten.

„Fauna und Flora vorbehalten“ – ist das nicht hĂŒbsch? Ein 40-jĂ€hriger Planungsskandal fĂŒhrt dazu, dass eine Feuchtwiese weiterhin Feuchtwiese sein darf. Muss man nicht geradezu dankbar sein, dass es der Stadt Ladenburg mangels fachlicher Kompetenz gelungen ist, einerseits die Industrie, also die Wirtschaft zu fördern und gleichzeitig die Umwelt zu erhalten? Ist es das, was dieser Artikel vermitteln soll?

Eine ganz wesentliche Frage ist in dem Text nicht gestellt worden: Wo war eigentlich der MM wĂ€hrend dieser 40-jĂ€hrigen „Planungsphase“? Wo waren die Recherchen? Die kritischen Kommentare und Analysen? Wo die Forderung, diesem unsĂ€glichen Zustand endlich ein Ende zu bereiten?

Man darf vermuten, dass es niemals eine kritische-kompetente Berichterstattung gegeben hat, sonst hĂ€tte man sich darauf bezogen. Irgendwie in der Art: „Schon 1975 haben wir…“

Nirgendwo auf der „Themenseite“ findet sich ein Hinweis, dass der MM mal versucht hĂ€tte, „Altwasser“ wirklich kritisch zu berichten.

Wer den Text mit Fragen im Kopf liest, stellt fest, dass sich mehrere Industriebetriebe ĂŒber 40 Jahre hinweg ohne bebauungsplanliche Regelung „entwickeln“ konnten, am Ende so laut wurden, dass es den „Nachbarn“ nicht mehr zumutbar war und sich dann um ihren Anteil am LĂ€rm „gestritten“ haben.

Was ĂŒber vier Jahrzehnte an Belastung entstanden ist, wurde durch den Kauf eines Morastgebiets „ausgeglichen“, stellt Herr Emmerich fest.

Sehr geehrte Lokalredaktion des MM, angefangen beim Chefredakteur, ĂŒber den Ressortleiter bis hin zum Verfasser: Eine solche „Berichterstattung“ ist unwĂŒrdig fĂŒr die ehemals geachtete Lokalzeitung Mannheimer Morgen.

Ich habe als junger Student drei Jahre fĂŒr Ihre Zeitung geschrieben und Anfang der 90-er Jahre galt der MM noch etwas, obwohl schon damals deutlicher Probleme offensichtlich waren.

Ich appelliere dringend an Sie als „Kollegen“, Ihrer Aufgabe und Pflicht nachzukommen, die Öffentlichkeit kritisch zu informieren. Eine „Berichterstattung“ dieser Art ist beschĂ€mend und unwĂŒrdig – sie schadet dem gesamten Berufsstand der Journalisten, den Sie als „Monopolist“ in der Region „reprĂ€sentieren“.

Rappeln Sie sich bitte auf! Besinnen Sie sich auf unsere Tugenden! Die UnabhÀngigkeit! Den kritischen Blick! Eine wahrhaftige Berichterstattung!

Hören Sie auf mit dieser Anbiederei! Dieser LeichtglÀubigkeit! Diesem nach dem Maul schreiben!

Sie verlieren in erheblichem Maß Auflage und Abonnenten, allein 1.500 im zweiten Quartal 2011 laut IVW. Die Menschen wenden sich ab und sind nicht mehr bereit, diese Form einer „Berichterstattung“ zu akzeptieren.

Unserer kleinen Redaktion könnte das recht sein, weil wir immer mehr Leserinnen und Leser gewinnen – tatsĂ€chlich tut es weh, dem Niedergang einer ehemals geachteten Zeitung zuzusehen. Und wir glauben an den Wettbewerb – Konkurrenz belebt das GeschĂ€ft.

In diesem Sinne – strengen Sie sich bitte, bitte mehr an.

Die erste Frage lautet also: Wo war der Mannheimer Morgen mit seiner kritischen Berichterstattung wĂ€hrend der 40-jĂ€hrigen „Planungsphase Altwasser“? Falls er was verschlafen haben sollte, ist es an der Zeit, aufzuwachen.

P.S. Herr Emmerich – Sie ĂŒberschreiben Ihren Kommentar mit „Unendliche Geschichte“. Das ist Ihnen irgendwie „eingefallen“ – vielleicht, weil Sie schon mal von Michel Endes „Unendlicher Geschichte“ gehört haben oder sogar das Buch kennen.
Haben Sie aber auch nur einen Moment nachgedacht? Die Geschichte ist „ZU ENDE“ – sie ist nach 40 Jahren keine „unendliche“ mehr. Der Bebauungsplan ist rechtskrĂ€ftig. Und damit ist Ihre Überschrift schlicht und einfach blödsinnig falsch.
Und Ihr Schlusswort: „Das mĂŒssen die Verantwortlichen auf allen Ebenen aus der unendlichen Geschichte von Altwasser lernen“, ist genauso falsch. Die „Geschichte“ ist zu Ende und Sie haben leider nichts dazu beigetragen, den „Lernprozess“ zu befördern.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.