Sonntag, 23. September 2018

„Kaninchenmord“ in Ladenburg – ermittelt jetzt eine „Soko Kaninchen“?

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Ladenburg, 08. April 2011. (red) Der Mannheimer Morgen berichtet in der Ausgabe „Rhein-Neckar“ am 07. April 2011 ĂŒber einen „grausigen Fund“ – ein Kaninchen wurde tot in einer PlastiktĂŒte gefunden. Steckt ein Kapitalverbrechen dahinter?

Von Hardy Prothmann

Es gibt Meldungen, die lassen einen auf den ersten Blick bass staunen: „Totes Kaninchen in der TĂŒte: 500 Euro Belohnung ausgesetzt„, titelt der „MM“.

Es gehe um einen „grausigen Fund“, den eine SpaziergĂ€ngerin gemacht habe. Sie soll „am Bach zwischen SchĂŒtzenhaus und AWO-Kinderheim am Neuweg“ zwei tote Kaninchen in einer TĂŒte gefunden haben.

MM-Redakteur Hans-JĂŒrgen Emmerich benutzt wie ĂŒblich eine Pressemitteilung, in diesem Fall der „Tierschutzorganisation Peta“ und gibt sie als Eigenrecherche aus. VollstĂ€ndig ungeprĂŒft ĂŒbernimmt er Aussagen und die Darstellung, dass „der TĂ€ter die Kaninchen gewissenlos getötet hat“.

Ein Bild der Deutschen Nachrichtenagentur (dpa) bekommt die Bildunterschrift: „Klein, sĂŒĂŸ und unschuldig: Ein Kaninchen wie dieses musste trotzdem sterben, TierschĂŒtzter suchen jetzt nach dem TĂ€ter.“

Behauptungen statt Fakten

Die Behauptung von Peta, die Polizei habe sich nicht gekĂŒmmert, lĂ€sst er weg, denn er erhĂ€lt die Auskunft, dass die Polizei sehr wohl die toten Tiere in Augenschein genommen und danach dem Bauhof zur Entsorgung ĂŒbergeben hat. „Spuren von Gewalteinwirkung“ wurden nicht entdeckt, schreibt Emmerich. Wir haben das ĂŒberprĂŒft und auch uns gegenĂŒber bestĂ€tigt das die Polizei.

Emmerich erfĂ€hrt auch, dass nur ein Kaninchen in der TĂŒte gefunden wurde und ein zweites in der NĂ€he. Er dokumentiert das auch – freilich ohne sich selbst die Frage zu stellen, was die „Zeugenaussagen“ und die Behauptungen wert sind. Die SpaziergĂ€ngerin sagt: Zwei Kaninchen in der TĂŒte. Peta behauptet das in der Pressemitteilung – die Polizei sagt, ein Kaninchen in der TĂŒte, ein zweites Wildkaninchen mit „Wildfraßspuren“ in der NĂ€he.

Keine „Soko Kaninchen“

Die Polizei hat auf eine „Autopsie“ verzichtet, denn sie konnte durch Augenschein keine Gewalteinwirkung feststellen. Sie spricht auch nicht vom „TĂ€ter“, sondern vom „Betroffenen“ – so heißt das im Falle einer möglichen Ordnungswidrigkeit. Denn richtig ist, dass man Tiere nicht einfach in der Gemarkung entsorgen darf. SelbstverstĂ€ndlich ist der „Vorgang aktenkundig“ – auf die Einrichtung einer „Soko Kaninchen“ hat die Polizei aber verzichtet.

TatsĂ€chlich wurde also ein totes Kaninchen in einer TĂŒte gefunden und zu einer Story aufgeblasen, deren Inhalt mehr als fragwĂŒrdig ist. 500 Euro Belohnung? „Zur Ergreifung des gewissenlosen TĂ€ters?“ Ein Zeugenaufruf „zur Ergreifung des TĂ€ters“, der „jeden Respekt vor dem Leben verloren hat“, wie die „Kampagnenleiterin“ von Peta, Nadja Kutscher, zitiert wird?

Verbrechen?

Woher weiß die Frau, die in Stuttgart lebt und die Kaninchen nicht gesehen hat, ob hier „Gewalt im Spiel“ war? Wieso geht sie davon aus, dass „der TĂ€ter die Kaninchen getötet hat“? Wie kann sie behaupten, dass jemand „die Kaninchen gewissenlos getötet hat“? Wie kommt sie darauf, von einem „Verbrechen“ zu sprechen?

Nur soviel ist sicher: Das Ablegen von Tierkadavern im öffentlichen Raum ist eine Ordnungswidrigkeit. Die hat wohl stattgefunden. Die Frage, warum, ist nicht geklĂ€rt und wird es wohl auch nie werden. Vielleicht ist das Kaninchen einfach so gestorben. Und der „TĂ€ter“ hat keinen Garten, um es zu verbuddeln und kein Geld, um es einer „Entsorgung“ zuzufĂŒhren oder war schlicht und einfach ĂŒberfordert.

Wenn der „TĂ€ter“ clever ist, stellt er sich selbst der Polizei, kassiert die Belohnung, zahlt davon das Ordnungsgeld und behĂ€lt bestimmt noch jede Menge Geld ĂŒbrig.

Der MM kann dann eine „Geschichte nachschieben“: „Eiskalt – wie der TĂ€ter seine gruselige Ordnungswidrigkeit auch noch zu Geld machte. Hat er ĂŒberhaupt kein Gewissen?“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.