Samstag, 18. November 2017

Gesundheitsamt warnt: Zeckenbisse können gefährliche Krankheiten übertragen

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 08. April 2010. Das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises warnt: „Frühlingszeit ist Zeckenzeit“. Die Tiere können FSME und Borreliose übertragen – bei beiden Krankheiten werden die Nerven geschädigt. Die Ärztin Dr. Oswinde Bock-Hensley, Expertin beim Gesundheitsamt, erklärt im Interview, auf was Naturfreunde achten sollten.

Krankheitsüberträger: 3-4 Millimeter klein ist eine Zecke - bis zu drei Zentimeter kann sie "groß" werden, wenn sie ihre Mahlzeit beendet hat. Bild: Gesundheitsamt

Von Hardy Prothmann

Frau Dr. Bock-Hensley, gibt es zur Zeit schon Zecken?
Dr. Oswinde Bock-Hensley: „Zecken gibt es das ganze Jahr über, aktiv sind sie vor allem von März bis Oktober. Sobald die Temperatur konstant über acht Grad Celsius liegt. Die Zecken sind deshalb vor allem im Juli und August sehr aktiv. Ab Höhen von rund 1.300 Meter gibt es keine Zecken mehr.“

1000 Zecken in vier Stunden.

Gibt es Informationen über die Zahl der Zecken? Sind es dieses Jahr besonders viele oder weniger als sonst?
Bock-Hensley: „Diese Untersuchungen sind sehr teuer und wurden bislang nur vereinzelt gemacht. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Wir waren im vergangenen Jahr zu fünft im Odenwald und haben vier Stunden lang gezielt nach Zecken gesucht und diese eingesammelt. Das Ergebnis waren rund eintausend Zecken.“

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Dr. Oswinde Bock-Hensley, Expertin beim Gesundheitsamt. Bild: privat

Sie haben gezielt gesucht.
Bock-Hensley: „Das haben wir, wobei der Tag eher schlecht war – zu kühl und verregnet. Wenn es aber warm und feucht ist, werden die Zecken erst richtig aktiv.“

Der Rhein-Neckar-Kreis gilt als Risikogebiet, weil Zecken die Erreger für Borreliose und FSME übertragen können. Erklären Sie doch bitte mal, was ein Risikogebiet ist.
Bock-Hensely: „Grundsätzlich sind das vor allem Baden-Württemberg und Bayern, aber auch das Ausland, hier vor allem Österreich oder auch Griechenland. Die statistische Definition für ein Risikogebiet gilt ab einer durch Zeckenbiss nachgewiesenen Infektion pro 100.000 Menschen. Wir hatten im vergangenen Jahr fünf Fälle bei rund 540.000 Einwohnern im Kreis. Zwei Erkrankungen verliefen sehr schwer.“

Wir empfehlen eine Impfung gegen FSME.

Gegen FSME (Frühsommermeningoencephalitis) kann man sich impfen lassen.
Bock-Hensley: „Das empfiehlt das Robert-Koch-Institut. Diese Empfehlung hat das Sozialministerium übernommen und wir geben dementsprechend diese Empfehlung auch weiter.“

Wer sollte sich impfen lassen?
Bock-Hensley: „Alle Berufsgruppen, die betroffen sind, also Waldarbeiter oder Förster sind geimpft – hier liegen seit Jahren keine bekannten Erkrankungen mehr vor. Impfen sollten sich auch alle Naturfreunde, die sich viel im Wald oder auf Wiesen aufhalten, also Wanderer, Jogger, Radfahrer, Hundehalter und natürlich Kinder – gerade junge Kinder haben eine ideale Größe, um von Zecken erreicht zu werden, die im hohen Gras oder im Dickicht sitzen.“

Es gibt viele Menschen, die Impfungen ablehnen.
Bock-Hensley: „Es gibt keine Impfung ohne mögliche Nebenwirkungen. Die FSME-Impfung wird aber sehr gut vertragen. Jeder muss für sich Nutzen und Risiko gegeneinander abwägen. Die Impfung macht der Hausarzt übrigens kostenlos. Wichtig: Aus bislang unbekannten Gründen verläuft eine FSME-Erkrankung bei älteren Menschen schwerer als bei jungen Menschen – Rentner, die sich gerne in der Natur aufhalten, sollten sich unbedingt impfen lassen.“

Was tun bei Borreliose-Verdacht?

Gegen Borreliose gibt es keine Impfung. Wie sind die Behandlungserfolge einzuschätzen?
Bock-Hensely: „Das kommt darauf an. Eine Borreliose-Infektion ist recht leicht durch das „Erythemamigrans“ zu erkennen – also eine oft kreisrunde „Errötung“ der Haut rund um den Stich. Hier kann der Hausarzt sofort mit Antibiotika helfen. Wurde die Infektion aber nicht erkannt, hilft später nur eine Diagnostik, weil Symptome wie starke Kopf- und Gliederschmerzen oder Fieber auch viele andere Ursachen haben können. Hier wird es also komplizierter sowohl die Infektion festzustellen, als auch zu behandeln.“

Gibt es eigentlich keine Möglichkeit, die Zeckenplage zu bekämpfen, so wie bei den Stechmücken?
Bock-Hensley: „Darüber ist uns nichts bekannt.“

Kann man sich durch Präparate gegen Zecken schützen?
Bock-Hensley: „Natürlich helfen so genannte Repellentien, die auch zur Abwehr von Mücken verwendet werden. Aber das ist kein echter Schutz.“

Kinder sollten nach jedem „Naturbesuch“ nach Zecken abgesucht werden.

Was kann man sonst machen, um sich gegen Zeckenbisse zu schützen?
Bock-Hensley: „Am wichtigsten sind bei Erwachsenen lange Hosen. Bei Kindern ist das schwieriger wegen der Körpergröße. Hier gilt: Kinder müssen nach jedem Ausflug ins Grüne sorgfältig nach Zecken abgesucht werden.“

Gibt es Körperstellen, die man besonders genau nach Zecken absuchen sollte?
Bock-Hensley: „Da möchte ich mich nicht festlegen – Zecken suchen sich eine geeignete Stelle, die kann aber fast überall sein.“

Es heißt, je früher eine Zecke entfernt wird, umso geringer sei die Gefahr einer Infektion mit Borreliose und FSME. Trifft das zu?
Bock-Hensley: „Das ist absolut richtig. FSME-Erreger befinden sich in den Speicheldrüsen der Zecke, die Borrelien im Darm. Je kürzer die Stichzeit ist, desto weniger Erreger können übertragen werden.“

Muss man bei jedem Zeckenstich mit einer Infektion rechnen?
Bock-Hensley: „Ja und Nein. Eine relativ frische endemische Untersuchung hat ergeben, dass 0,1 bis 5 Prozent der Zecken das FSME-Virus in sich tragen und rund 10 bis 35 Prozent die Borreliose-Bakterien – je nach Gebiet. Jetzt zu sagen, jeder 20te Stich überträgt FSME und jeder zehnte bis dritte Borreliose ist mehr als riskant. Ein einziger Stich kann entscheidend sein – den Zecken sieht man nicht, welche Erreger sie in sich tragen. Ich wiederhole das gerne nochmals: Die Impfung schützt zuverlässig vor FSME und nach einen Stich sollte man genau auf eine Rötung der Haut wegen Borreliose achten.“

Zecken selbst entfernen?

Kann man Zecken selbst entfernen oder sollte man lieber zu einem Arzt gehen?
Bock-Hensley: „Das macht man selbst, damit muss man keinen Arzt beschäftigen.“

Stimmen die Volksweisheiten, dass man Zecken erst mit Öl betreufeln und dann „gegen den Uhrzeiger herausdrehen“ sollte?
Bock-Hensley: „Das ist Quatsch. Man nimmt ein Pinzette, packt die Zecke möglichst nah der Haut und zieht sie raus. Alles, was man drauf träufelt, erstickt das Tier, das wird panisch und „übergibt“ sich in die Wunde – was das Risiko einer Infektion erhöht.“

Sollte man die Zecken untersuchen lassen?
Bock-Hensley: „Fünzig Prozent aller Erkrankten können sich nicht an einen Zeckenbiss erinnern. Auch wenn die untersuchte Zecke „sauber“ ist, wissen Sie noch nicht, ob Sie nicht noch von einer anderen gestochen wurden und selbst wenn Erreger nachgewiesen werden, heißt das nicht, dass Sie infiziert wurden. Das Geld kann man sich sparen.“

zeckenschule

Die Seite "Zeckenschule" informiert zum Thema. Bild: Zeckenschule.de

Link:
Informationsseiten des Pharma-Herstellers Baxter GmbH
Zeckenschule: Animierte Seite für Eltern und Kinder zum Thema Zecken
Zeckeninformationsseite

Service:
Das Landratsamt des Rhein-Neckar-Kreise informiert in einer eigenen Ausstellung zum Thema „Zecken“:
„Vom 13. bis 30. April können sich Interessierte im Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis/Gesundheitsamt Heidelberg über Gefahren informieren, die von der Zecke als Überträger von Krankheiten ausgehen. Und natürlich darüber, wie man sich schützt.

Zur Klärung vieler offener Fragen rund um die Zecke eröffnen Dr. Bodo-Falk Hoffmann, stellvertretender Landrat, und Dr. med. Rainer Schwertz, stellv. Amtsleiter des Gesundheitsamtes, am Dienstag, 13. April, um 11.00 Uhr die „Wanderausstellung Zecken“. Zu sehen sind großformatige Infotafeln, Schaukästen, Filme und Animationen sowie echte Zecken unter dem Binokular. Alle Besucher sind herzlich eingeladen, sich umfassend informieren, aufklären und überraschen zu lassen. Die Ausstellung ist Montag – Freitag von 8.00 bis 16.30 geöffnet.“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.