Mittwoch, 19. September 2018

Der Vergleich, das Fest, die Sorge und das Recht – wie es mit dem Altstadtfest weitergeht

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Guten Tag!

Ladenburg, 08. Juli 2010. BĂŒrgermeister Rainer Ziegler versuchte eine „gute Miene zum bösen Spiel“ zu machen. Die Rede ist vom Altstadtfest, einer Klage gegen den LĂ€rm, einem gefundenen Vergleich und der Sorge, ob das funktioniert. Im Kern geht es einfach um eine Veranstaltung, die nun unter Auflagen stattfinden muss. TatsĂ€chlich aber geht es um viel mehr – um eine Tradition, um Erwartungen, um die öffentliche Meinung. Es geht knallhart um Politik.

Von Hardy Prothmann

Es gibt Tage, da hat man als BĂŒrgermeister einfach keine Freude an seinem Job. Der Tag, an dem die Klage von zwei Anwohner-Parteien gegen das Altstadtfest auf dem Tisch von BĂŒrgermeister Rainer Ziegler gelandet ist, war sicherlich kein guter Tag fĂŒr ihn.

Volksfeste sind schon lĂ€ngst nicht einfach mehr nur Feste – sie sind politisch. In jeder Hinsicht. Das Volk will sie – aber andere aus diesem Volk nicht. Und weil alle im Volk in einem Rechtsstaat leben, können wenige gegenĂŒber den vielen ihr Recht durchzusetzen versuchen. Denn vor dem Recht sollen alle gleich sein.

Das ist in Ladenburg geschehen. Zwei Anwohner-Parteien haben vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe Klage eingereicht – gegen die Stadt Ladenburg und damit irgendwie auch gegen alle, die gerne das Altstadtfest besuchen, das dieses Jahr doch noch zum 37. Mal stattfinden kann. Unter Auflagen.

Alle – das sind wahrscheinlich unterm Strich mehr Nicht-Ladenburger als Ladenburger BĂŒrgerinnen. Denn das Ladenburger Altstadtfest ist legendĂ€r und ein Magnet ĂŒber die Stadtgrenzen hinaus.

In der heutigen Zeit ist das gut belegbar – in Internetforen wie Wer-kennt-wen und Facebook wird die Entwicklung um das Altstadtfest energisch diskutiert. Tausende sind Fans dieses traditionellen Festes – sehr viele davon aus der zum Teil auch weiten Umgebung der Stadt.

Auf Facebook haben sich bereits 769 Fans fĂŒr das Altstadtfest angemeldet, bei Wer-kennt-wen gibt es Dutzende Kommentare zum Schicksal des Festes.

Die Empörung ist groß, dass zwei unzufriedene Anwohner ein Fest, das Tausende Menschen anzieht, „kaputt machen“ könnten.

Und hier wird es politisch.

Als guter Demokrat – und ein solcher ist der BĂŒrgermeister Ziegler – muss man anerkennen, dass „Individualrechte“ unter UmstĂ€nden mehr wiegen als „Massenrechte“.

Als Politiker weiß Herr Ziegler, dass die Masse immer Recht hat.

Als auf Harmonie bedachter BĂŒrgermeister versucht er den Spagat und will beides vereinen – das individuelle Interesse und das der Masse.

Ein solcher Spagat kann schmerzhaft sein. Es ist gut und richtig, dass BĂŒrgermeister Ziegler sich nicht davor scheut.

Der gefundene „Vergleich“ ist ein Spagat. Man will ĂŒber LĂ€rmpegelmessungen und -steuerungen einerseits das Fest als Volksfest und nicht als „Rentnerveranstaltung“ erhalten und andererseits dem Recht der Anwohner auf eine zumutbare „BelĂ€stigung“ entgegenkommen.

Ob das gelingt, bleibt abzuwarten.

Die Volksseele hingegen kocht. Die Kommentare in den Internetforen wie Facebook und Wer-kennt-wen sprechen eine deutliche Sprache: Man hat kein VerstĂ€ndnis fĂŒr die „paar Spießer, die allen den Spaß verderben wollen“.

Auch das ist verstÀndlich.

Der gefundene „Vergleich“, die Auflagen, sollen diesen Streit lösen.

Wiederum ĂŒber das Internet ist zu erfahren, dass das Altstadtfest im Jahr 2009 von vielen als „langweilig“ und „nicht gut“ empfunden wurde, weil schon im vergangenen Jahr der (LĂ€rm-) Pegel begrenzt wurde.

Vielleicht war man 2009 aus Sorge vor einem Streit zu strikt dabei – vielleicht wird es aber auch 2010 so sein, dass die Festbesucher meinen, dass mit dem Altstadtfest in Ladenburg „nichts mehr los ist“.

Die Stadt Ladenburg kostet die Klage Geld. FĂŒr den Gutachter, die AnwĂ€lte, das Gericht. Das ist kein „gut investiertes Geld“, sondern „notwendig ausgegebenes“.

Gewissheit wird man erst nach dem Fest haben. DarĂŒber, ob alle „Auflagen“ erfĂŒllt wurden und darĂŒber, ob es trotzdem ein „tolles Fest“ gewesen ist.

Der Idealfall – und den hat BĂŒrgermeister Ziegler angekĂŒndigt – ist, dass die GĂ€ste ihren Spaß haben und die „Anwohner“ dies im Rahmen des Vergleichs annehmen (mĂŒssen).

Der „Worst-Case“ wird sein, dass der Vergleich das Fest „lĂ€rmmĂ€ĂŸig“ erstickt, die GĂ€ste keinen Spaß haben und absehbar ausbleiben, „weil nix mehr los ist, in Ladenburg“.

Das wÀre der Anfang vom Ende des legendÀren Ladenburger Altstadtfestes. Bleiben die GÀste aus, wird es weniger Angebot geben und schnell werden noch mehr GÀste ausbleiben. Der letzte macht dann das Licht aus.

Verantwortlich wird man dafĂŒr den BĂŒrgermeister machen – das weiß Herr Ziegler genau.

Deswegen war der Tag, an dem die Klage auf seinen Tisch kam, kein guter Tag.

Und deswegen hofft er, dass der gefundene Vergleich ihn aus dem Dilemma herausbringt.

Erst Mitte September, nach dem Fest, wird die Abrechnung auf dem Tisch liegen.

Wurden alle „Auflagen“ erfĂŒllt? Waren die GĂ€ste trotzdem zufrieden? Hat das Altstadtfest eine Zukunft?

All das sind bange Fragen, die auf Antworten warten.

Einer, der sehr bangt, ist der BĂŒrgermeister Ziegler.

Er will (und muss) alle widerstrebenden Interessen bedienen. DafĂŒr ist er nicht zu beneiden.

Andererseits ist das seine Aufgabe. Er ist als BĂŒrgermeister der Meister aller BĂŒrger und muss sich dem Konflikt stellen. Das tut er. Und das ist gut so.

Auch wenn Undank – von welcher Seite auch immer – der Lohn sein sollte.

Denn das ist Politik. Knallhart.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.