Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

24 Stunden Wellness – wer wird sich davon stressen lassen?

Print Friendly, PDF & Email

//

 

Guten Tag!

Ladenburg, 8. November 2010. Gabi verbrachte mit ihrem Mann und Freunden 24 Stunden in einem Wellness-Hotel. Was als Entspannung gedacht war, kann manchmal auch im Stress enden, musste Gabi feststellen.

Wir hatten genau 24 Stunden, um das Angebot des Hauses optimal auszuschöpfen, und da muss man schauen, dass das nicht in Stress ausufert.

Wellness.

Wir trafen uns kurz nach Mittag vor Ort und besprachen unser Programm. Unsere Freunden hatten sich schon schlau gemacht: Fixpunkte waren Kaffee und Kuchen am Nachmittag, Sektempfang um 17 Uhr und spĂ€testens(!) um 20 Uhr das 4-Gang-Menu, alles Inklusiv-Leistungen, versteht sich. Dazwischen Sauna, Dampfbad und Entspannung – da mussten wir uns sputen.

Zudem, und das wurde wirklich knifflig, hatten wir noch einen Gutschein fĂŒr ein romantisches Wellness-Weinbad.

Freundlicherweise konnten alle Termine – mit Ausnahme des Abendessens – im Bademantel eingenommen werden, so dass das An-, Aus- und Umziehen keinen weiteren zeitlichen Druck erzeugen konnten.

Also rauf auf-€ℱs Zimmer und ab in den Bademantel, der in einer gepackten Wellness-Tasche inklusive HandtĂŒcher und Badeschuhen schon bereit stand.

Und sofort ging es in den „Spa-Bereich“ (laut Wikipedia ein Oberbegriff fĂŒr den Gesundheits- und Wellnessbereich). Ganz gechillt begannen wir mit dem Dampfbad, um dem Kreislauf nicht gleich die 92-Grad-Sauna zuzumuten. Zum Relaxen gingen wir, natĂŒrlich mit der Wellness-Tasche bepackt, in die Ruhezone. Hier fanden wir sieben Liegen vor, davon vier belegt und die drei restlichen vorsorglich besetzt.

„So geht das aber nicht“, motzte mein Herzallerliebster, worauf eine Dame widerstrebend HandtĂŒcher von einem Platz rĂ€umte und meinte: „Sie können ja auch in das Kaminzimmer, in die „Oase der Ruhe“ gehen. Das ist ein Stockwerk tiefer, da kommen sie mit dem Aufzug hin“.

Auf der Suche nach der „Oase der Ruhe“

In der Ermanglung eines vierten Platzes machten wir uns also auf den Weg und suchten nach der „Oase der Ruhe“ – natĂŒrlich mit der Wellness-Tasche. Was man uns nicht gesagt hatte, dass man erst mit dem Aufzug einen Stock höher fahren, dann einen Aufenthaltsraum queren musste, um dann in ein Treppenhaus zu gelangen, durch das man wieder ein Stockwerk tiefer die „Oase der Ruhe“ erreichen konnte. Aber wahrscheinlich wollte man uns ja auch so schnell wie möglich loswerden.

Das Kaminzimmer war dann auch echt der KnĂŒller. In sanften, warmen Tönen gehalten, freie Liegen, ein knisterndes Feuer – hier wartete endlich die Entspannung. Wir packten die Wellness-Taschen aus, kuschelten uns in Decken, nahmen uns LektĂŒre zur Hand und begannen zu relaxen.

Doch kaum zehn Minuten spĂ€ter: „Mist, gleich ist es 16 Uhr, wir verpassen noch Kaffe und Kuchen“, merkte unser Freund an. Also packten wir unsere Wellness-Taschen, gingen das Treppenhaus wieder hoch, querten den Aufenthaltsraum, nahmen den Fahrstuhl und betraten – wohlgemerkt im Bademantel – das Café.

Relaxt plauderten wir bei himmlischem Kuchen und leider etwas dĂŒnnem Kaffee. „Mist“, sagte unser Freund, „es ist gleich 17 Uhr, wir mĂŒssen zu unserem Sektempfang“. Also verließen wir, natĂŒrlich mit Wellness-Tasche und im Bademantel, das Café, nahmen den Aufzug und trafen pĂŒnktlich – wir hatten uns ja inzwischen mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht – im Aufenthaltsraum ein.

Rot fĂŒr beruhigend oder Weiß fĂŒr anregend

Hier konnten wir auch endlich mit der Wellness-Beraterin unser Wellness-Weinbad besprechen. Wir wurden darĂŒber aufgeklĂ€rt, dass wir uns zwischen einem Dornfelder-, also rot, und einem Riesling- Bad, also weiß, entscheiden konnten. Rot wirke beruhigend, weiß anregend, erklĂ€rte sie. Eine Flasche Wein komme ins Badewasser, eine sei zum Trinken. „Schatz, wie sollen wir das denn machen“, fragte mein Göttergatte, „du magst ja keinen roten und ich keinen weißen“, wĂ€hrend wir noch diskutierten, erfuhren wir, dass man nach dem Bad ungefĂ€hr 2,2 Promille hĂ€tte, was sich aber, da vor allem ĂŒber die Haut aufgenommen, schnell wieder verflĂŒchtigen wĂŒrde.

„Um 19 Uhr habe ich noch einen Termin frei“, sagte die Wellness-Beraterin und strahlte uns an. Das sei ja sehr stressig, man mĂŒsse ja schließlich um 19.45 Uhr beim Abendessen sein, gab mein Mann zu Bedenken. Nein, nein, das Bad sei gar nicht stressig und sie habe auch noch einen Termin am nĂ€chsten Morgen um 11 Uhr. Na prima, dachte ich, vormittags schon 2,2 Promille.

Letztlich konnten wir uns auf keinen Termin einigen und schließlich hatten wir noch immer keinen Saunagang genossen. Das mit dem Bad wĂŒrden wir dann erst mal lassen, sagten wir, nahmen den Aufzug und endlich ab in die Sauna.

Zwei – sehr heiße – SaunagĂ€nge spĂ€ter relaxten wir wieder in der „Oase der Ruhe“. Endlich, endlich war es genau so, wie wir es uns vorgestellt haben: Kuscheldecken, Ruhe, Entspannung. „Mist“, sagte unser Freund, „es ist schon nach 19 Uhr, jetzt mĂŒssen wir uns aber beeilen, wenn wir noch pĂŒnktlich zu unserem 4-Gang-Menu kommen wollen“.

Also Wellness-Tasche packen, Treppe hoch, Aufzug runter und ab ins Zimmer, denn jetzt mussten wir den Bademantel ausziehen und zivilisiert im Restaurant erscheinen.

Köstlichstes wurde uns, leider etwas zu schnell, serviert und beim Nachtisch ging gar nichts mehr, sprich, die MĂŒdigkeit ĂŒbermannte uns. Kurz nach 22 Uhr, und wir waren die letzten, schleppten wir uns auf unsere Zimmer und dann war Entspannung in Form von Tiefschlaf angesagt.

Der Rest ist kurz erzĂ€hlt, nach einem opulenten FrĂŒhstĂŒck entschieden wir uns am nĂ€chsten Morgen gegen die 2,2 Promille und checkten gegen 11 Uhr aus und beschlossen bei herrlichstem Herbstwetter einen Spaziergang durch die Weinberge zu machen. Und jetzt endlich spĂŒrte ich Ruhe und Entspannung. Was fĂŒr ein erholsames Wochenende, dachte ich.

Anmerkung der Redaktion: Sie finden uns bei Facebook unter Redaktion ladenburgblog.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.