Freitag, 23. Februar 2018

Kommentar zum Streit über Musikfestival

Wie wäre es mit einem Stadtmarketing?

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Wo bleibt endlich ein vernünftige Stadtmarketing für Ladenburg?, fragt sich Chefredakteur Hardy Prothmann. Foto: sap

Ladenburg, 07. Juni 2013. (red/pro) Der Streit um das Musikfestival ist richtig, denn es sind viele Fragen offen. Und bietet Gelegenheit, das eigentliche Thema endlich zu fokussieren: Hat die Stadt ein Stadtmarketing und wenn ja, gibt es auch ein überzeugendes Konzept? Und wie sieht die Kosten-Nutzen-Rechnung aus?

Kommentar: Hardy Prothmann

Der Bürgermeister Rainer Ziegler ist also bereit, das Musikfestival aus Stadtmarketingsgründen „ein Stück weit mitzufinanzieren“. Diese Aussage ist erstaunlich, weil nicht der Bürgermeister Herr des Haushalts ist, sondern der Gemeinderat. Und der ist offensichtlich nicht umfänglich über Kosten und Nutzen der Veranstaltung informiert. Zumindest muss man von außen diesen Eindruck haben. Und selbst, wenn die Einzelausgabe in den Entscheidungsbereich des Bürgermeisters fallen sollte – gilt das auch für die Summe aller Ausgaben in diesem Bereich?

Schaden abwehren – Wohl mehren

Die Fragen, die die beiden CDU-Stadträte Günther Bläß und Uwe Wagenfeld gestellt haben, sind absolut korrekt und geeignet „Schaden von der Stadt abzuwenden“. Die Schadensabwehr ist eine hoheitliche Aufgabe des Gemeinderats – aber ebenso das Wohl der Gemeinde zu mehren.

Ladenburg ist noch mit Abstand die lebendigste Veranstaltungsgemeinde im Vergleich mit anderen drumherum. Das sorgt für ein positives Image, aber auch für hohe Belastungen, beispielsweise der eigenen Bevölkerung – teils auch der Nachbargemeinden, die von Lärm und Verkehrsbehinderungen auch betroffen sind. In Ladenburg kommen partielle Verschmutzungen und Vandalismus hinzu. Ebenso die teilweise arg in Mitleidenschaft gezogene Festwiese. Weil 17.000 Konzertbesucher an zwei Abenden Spaß haben wollten müssen die Ladenburger über Wochen und Monate die Folgen tragen.

Will man das oder will man das nicht? Diese Frage muss sich der Gemeinderat stellen und mehrheitlich beschließen. Ein positives Image ist eine gute Sache – oft aber auch eine teure. Will und kann man sich das leisten? Oder gibt es sogar einen Weg, mehr einzunehmen, als man dafür ausgibt?

Offene Fragen

Dafür muss man Fragen stellen und Antworten suchen. Würde eine Absage an die Veranstaltungsreihe Ladenburg mehr und mehr zur Museumsstadt machen? Warum nicht – andere Städte profitieren enorm davon. Und Ladenburg hat schöne Museen, beispielweise das Carl-Benz- und das Lobdengau-Museum. Und wenn die Festwiese nach so einer Veranstaltung ein Acker ist? So what? Dann räumt man halt auf und nimmt das hin.

Doch wie viele der 17.000 Besucher kommen nach den zwei Tagen wieder nach Ladenburg und geben da Geld aus? Im Gegensatz dazu: Wie lange müssen die Ladenburger sich gedulden, bis ihre Infrastruktur, die sie bezahlen, wieder hergestellt ist? In welchem Verhältnis steht das zueinander?

Und weiter: Ist die Pacht zu niedrig? Gibt es überhaupt eine? Wer trägt die Reinigungskosten? Welche Kosten gibt es sonst noch? Legt Ladenburg sogar noch drauf? Und welche Summe? Gibt es überhaupt einen Gesamtetat für Marketing-Maßnahmen? Wer hat den Überblick?

Und wie ist das in ein Stadtmarketing-Konzept eingebunden? Gibt es das überhaupt? Uns ist keines bekannt. Das Drachenbootrennen hat sich im Umfeld negativ durch saufende Teenager entwickelt, das Ballonfestival ist gestorben, weil man sich nicht einig werden konnte und die Unsicherheit über die Zukunft des Weihnachtsmarktes dauert an. Die Debatte um die Verkehrsregelung in der Altstadt hat viel zu lange gedauert. „Ladenburg tafelt“ soll Ende des Monats stattfinden – aber wer weiß davon? Die öffentliche Präsenz der Stadt über den vergeigten Internetauftritt ist mehr als peinlich, er ist lausig.

Hier gehört Struktur rein, eine klare Kostenkalkulation, pfiffige neue Ideen braucht es und den Mut, auch Veranstaltungen zu beenden.

Wenn beispielsweise das Musikfestival defizitär ist und die Ladenburger Steuerzahler herangezogen werden, damit der Hirschberger Veranstalter Demi-Promotion weniger Verlust macht. Das wird den Ladenburger nicht zu vermitteln sein. Auch nicht, dass man es versäumt, endlich ein Konzept aufzustellen, um die viele „Baustellen“ im Marketing endlich planmäßig und mit einer gezielten Strategie anzugehen.

Das Marketing gehört nicht in die Hände des BdS – das hat der Bund der Selbständigen unter Beweis gestellt. Die können es nicht und bilden nur Gewerbetreibende ab, nicht aber Kultur und Vereinswesen sowie Geschichte. Der Heimatbund kann es auch nicht, weil er nicht die Geschäftswelt und das Vereinswesen abbildet. Und die Vereine können es auch nicht, wie das Drama um das Ballonfestival gezeigt hat. Geeignet wäre ein Eigenbetrieb der Stadt, der nicht gewinnorientiert, aber kostendeckend arbeitet – die notwendigen Gebühren erhebt, Veranstaltungen plant, bewirbt und auch nachbereitet. Eine gebündelte und verantwortliche Zuständigkeit würde dem Tohuwabohu ein Ende setzen und Ladenburgs kulturelle und sportliche Vielfalt in die Zukunft führen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.