Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Terminzwang, Freizeitstress oder ganz normales Programm?

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Guten Tag!

Ladenburg, 07. Juni 2010. Gabi ist verzweifelt – war es jetzt in ihrer Jugend in den 60-er Jahren besser als heute oder ist es heute besser als damals? Eins weiĂź sie sicher: Der Terminstress hat zugenommen und Wunder gibt es immer wieder.

Ich war als Kind im Ballett, im Turnen und habe mit mäßigem Erfolg Klavier gespielt. Meine Freundin war in Leichtathletik und hatte Blockflötenunterricht. Das war-€™s.

Mit Boris Becker wurde auch Tennis für den „Normalbürger“ erschwinglich und einige Freunde hatten Tennisstunden, aber das war schon exklusiv. Die meisten spielten einen Ballsport im Verein. Auch Geige spielen war schon eher außergewöhnlich. Gitarre brachte man sich selber bei.

Wir waren noch glĂĽckliche Kinder.

Das Hobby- und Freizeitangebot für die lieben Kleinen sieht da heute schon ganz anders aus. Mindestens drei Freizeitaktivitäten in der Woche kommen da mal ganz schnell zusammen und die Palette ist vielfältig und bunt.

Bunte „Programmvielfalt“

Ich möchte meine Kinder dabei gar nicht ausnehmen: FuĂźball, Tennis, Voltigieren, Ballett, Karate, Turnen, Malschule, Schwimmen, Tauchen, Klavier, Gitarre – meine Kinder haben schon viel ausprobiert. Und der Weg ist oft weit, bis man sein passendes Hobby gefunden hat.

Eine Liste mit weiteren und auĂźergewöhnlichen Hobbies kann schnell ergänzt werden: Die Tochter einer Freundin ist in einem Capoeira-Kurs, spielt Querflöte und töpfert, der Sohn derselbigen spielt Saxophon, hat einen „Personal Trainer“ fĂĽr sein Fechten und dreht Videoclips.

Die Auswahl an asiatischen Kampfsportarten ist nahezu unbegrenzt: Judo und Karate ist dabei schon langweilig. Im Angebot sind: Kung Fu, Kick- und Thaiboxen, Aikido, Taekwondo, Tae Bo, Sumo Ringen und fĂĽr die ganz harten Krav Maga oder Brasilian Jiu Jitsu

Mit im Angebot haben wir natürlich noch: Klettern, Angeln, Jazztanz, Reiten, unzählige Ballsportarten und die Pfadfinder (aber die waren bei uns schon sehr beliebt).

Je frĂĽher das Training beginnt, desto…

Los geht der Stress schon meistens vor dem Kindergarten mit dem Mutter-Kind-Turnen und der musikalischen Früherziehung. Kaum ist das Kindergartenalter erreicht bieten nahezu alle Vereine, Musik- und Volkshochschulen Kurse und Stunden für Kinder ab 3 Jahren an. Oft sind die Plätze heiß begehrt und man muss auf die Warteliste.

Unter den Favoriten: Schwimmkurse. Spielerisch und in Gemeinschaft lernen hier unsere lieben Kleinen, betreut von einem/r Schwimmlehrer/in, die ersten SchwimmzĂĽge und erhalten hier ihre erste Urkunde.

Ich lernte schwimmen, indem mich mein Vater ins Schwimmerbecken im Hallenbad warf, pädagogisch eindeutig eine Nullnummer, aber dennoch sehr effizent.

Aber natürlich, darf-€™s auch an intellektueller Bildung nicht fehlen und so gibt es Englisch-Kurse für Kindergartenkinder.

Der Terminkalender eines Grundschulkindes ist oft brechend voll und ich weiß noch, wie verzweifelt meine Tochter versucht hat mit einer Schulfreundin einen Spielnachmittag auszumachen, was aufgrund der verschiedenen Freizeitaktivitäten nahezu unmöglich war.

Termindruck

In der weiterführenden Schule verschärft sich der Termindruck noch gravierend, Unterricht bis zum Nachmittag, lernen, Hobbys, da bleibt oft kaum Zeit Freunde zu treffen.

Aber der Stress ist natĂĽrlich nicht nur auf die Kinder begrenzt, auch wir lieben Eltern haben damit so unsere Probleme. Die Auto-Aufkleber „Taxi Mama“ finde ich zwar äuĂźerst bescheuert, kommen aber der Sache ziemlich nahe. Bei zwei Kindern vergeht kaum ein Nachmittag an dem man seine Kinder nicht durch die Gegend fährt – nach dem Motto kein Weg ist zur Förderung der Freizeitinteressen des Nachwuchses zu weit.

Hart für Eltern sind auch Hobbys mit Turnieren und Wettkämpfen. Meine Freundin, deren Sohn ein begeisterter Fußballer ist, verbrachte und verbringt viele Wochenenden auf dem Fußballplatz. Und auch ich habe mich schon Sonntage in Hallenbädern oder in Reit- und Turnhallen aufgehalten.

Ein weiterer Stressfaktor ist die Motivation. Die meisten Hobbys werden mit Begeisterung begonnen und nach kurzer Zeit stellt sich eine Lustlosigkeit ein. Da wir nun aber bestrebt sind unseren Kindern beizubringen, dass man nicht beliebig Sachen beginnen und wieder aufhören kann, kommt es zu wiederkehrenden Diskussionen, die für beide Seiten sehr ermüdend sind.

Spätestens mit der fortschreitenden Pubertät verliert man immer mehr an Einfluss. Oft werden jetzt langjährige Hobbys schlagartig aufgegeben. Oder aber auch angefangen.

Ăśberraschung

Jahrelang hatte ich versucht, meinen Sohn zum Klavierspielen zu motivieren – ohne Erfolg. Vor einem Jahr, nach dem seine jĂĽngere Schwester schon recht erfolgreich ihre StĂĽcke klimperte, beschloss er, nun auch Klavierunterricht zu nehmen.

Vor Kurzem sagte er vorwurfsvoll: „Warum habe ich nicht früher damit angefangen?“ „Du wolltest nie“, antworte ich ihm wahrheitsgemäß. Er antwortete: „Und warum hast du mich nicht dazu gezwungen?“

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.