Donnerstag, 20. September 2018

„Einfach ausgedrückt“ – Marietta hört auf

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Braucht eine gut aussehende Frau ein Kippe, um "cool" zu sein? Das Leben zu genießen? Marietta sagt: Nein. Nach 30 Jahren Raucherei. Wird sie es schaffen?

Guten Tag!

Weinheim, 07. Juli 2011. (red) Unsere Kolumnistin Marietta Herzberger hört auf. Jetzt. Einfach so. Ihr reicht es. Sie will nicht mehr… rauchen. Dafür schreibt sie ab sofort, wie es ihr geht. So, wie sie sich fühlt. Sie schreibt übers Aufhören, um ein Leben ohne Zigaretten zu beginnen. Wir alle drücken ihr die Daumen, dass sie es schafft. Welche Hürden Sie dabei zu überwinden hat, schreibt sie auf. Ganz egoistisch, um sich zu motivieren. Aber auch für alle, die es auch schon lange tun wollen: Einfach ausdrücken.

Von Marietta Herzberger

Ich bin Mitte Vierzig, sportlich, nicht wirklich übergewichtig, arbeitende Mutter, Ehefrau, Hundebesitzerin, Kolumnistin. Und Raucherin. Seit gut 30 Jahren.

Ich habe sehr früh begonnen, rauche seitdem, hüstel, 20 bis 30 Zigaretten am Tag. In Gesellschaft auch mehr. Beim Wein sowieso.

Während der Schwangerschaft und einmal wegen des Sports habe ich gut drei Jahre nicht geraucht. Heimlich habe ich schon oft aufgehört und doch weitergeraucht.

Warum will ich ausgerechnet morgen das Rauchen sein lassen? Warum nicht an einem bedeutungsvollen Tag? Zum Beispiel am Tag meiner Geburt, dem Geburtstag meiner Tochter, Hochzeitstag, Namenstag oder an dem Tag, wo mein geliebtes Kind sich in eine einwöchige Ferienfreizeit verabschiedet.

Warum miete ich mich nicht mutterseelenallein in eine Finca ein, schreibe wie eine Blöde, springe ab und an in einen Pool und rauche dabei NICHT?

Langes Elend ohne die richtige Zeit

Weil es für mich persönlich nicht der Weg sein kann, ein Ziel in der Zukunft zu suchen und mich dann langsam darauf vorzubereiten. Das verlängert das Elend nur noch. Da ist dann nix mit Vorfreude, sondern nur mit Vorpanik.

Und: Weil es keine „richtige Zeit“ , nicht den „richtigen Tag“ zum Aufhören gibt. Es gibt nur das Aufhören – egal wann. Am besten sofort. Ohne großes Gedöns. Schnappzack. Weg mit. Aufhören. Und gut ist.

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Letzte Züge: Marietta liebt die Spaziergänge mit ihrem Hund. Aber sie "liebt" auch die Zigaretten. Auch in der Natur. Warum nur?

So, nun fixiere ich hier schriftlich vor aller Welt meinen Willen. Und mache Nägeln mit Köpfen.

Ab morgen höre ich auf. Punkt.

Dabei höre ich gar nicht auf zu rauchen. Ich fange einfach nicht wieder an. Dafür rauche ich heute noch mal was das Zeug hält. Jetzt auch. Moment – ich stecke mir gerade eine an. Glas Rotwein dazu. Lecker.

Irgendwann gehört die Zigarette dazu. Zu allem.

Lecker? Ja, der Rotwein. Die Zigarette nicht. War noch nie so. Aber sie gehört dazu. Für mich. Zum Rotwein.

Heute noch.

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Noch macht Marietta Faxen - Raucher können nie genug kriegen. Ist das Aufhören einfacher, als man denkt oder knallhart?

Auch zum Kaffee. Nach dem Essen. In der Pause zwischen Fenster putzen und Boden wischen. Beim Autofahren am offenen Fenster. Am Computer. Beim konzentrieren. Nach dem Kino.

Morgen nicht mehr.

Und wo soll ich ab morgen mit meinen Händen hin? Ersatzbeschäftigung suchen. Bierdeckel und Post-It-´s zerpflücken, in der Nase bohren. Letzteres kommt allerdings in Gesellschaft nicht so gut und scheidet daher aus.

Hypnose? Vielleicht hilft es.

Na ja, ich gebe zu, so ganz ohne Unterstützung traue ich mich nicht. Eines möchte ich versuchen. Hypnose.

Lachen Sie nicht!

Diese Hypnotiseure sollen sich da irgendwie einen Weg in dein Unterbewusstsein graben können, legen dann dort einen Schalter um und – schwupps – magst du keine Zigaretten mehr. Vereinfacht ausgedrückt.

Ich bin sehr skeptisch, möchte es aber dennoch einmal ausprobieren. Wer weiß. Erdbeeren mit schwarzem Pfeffer sollen ja auch ganz gut schmecken.

Vergangene Woche hatte ich ein Gespräch mit einem Mentaltrainer. Am nächsten Montag, den 11. Juli 2011, werde ich für schweineteueres Geld bei ihm eine Hypnosesitzung haben.

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Die Zigarette - so lange gehörte sie dazu.

Er meinte, dass ich weiterhin rauchen kann, mir aber zwischendurch immer mal wieder eine Situation ohne Zigarette vorstellen und auch mal leben solle, in welcher ich mich sonst mit Zigarette befinde. Habe das vier-, fünfmal praktiziert und muss sagen, die Vorstellung gefiel mir.

„Eine rauchen“

Dann zündete ich mir eine an. Man muss es ja nicht gleich übertreiben.

Da ich 24 Stunden vor der Hypnose sowieso keine rauchen darf, kann ich eigentlich auch ab morgen keine mehr rauchen. Ich muss sowieso in die Schule meines Kindes und drei Stunden Kuchen verkaufen. Davor bin ich im Büro und zwischendrin gehe ich mit meinem Hund joggen. Das spielt sich sowieso alles ohne Glimmstengel ab.

Manchmal kommt dann eins zum anderen. Heute Morgen erzählte ein Kollege, dass es unglaublich hart für ihn wäre, seinen Vater im Krankenhaus zu besuchen. Dieser wäre erst 64 und habe COPD. Vom Rauchen. „Chronic Obstructive Pulmonary Disease“ – Chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Schauder.

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Wer ist mächtiger? Die Frau...

Er schilderte den Verfall seines Vaters sehr plastisch, sehr erschreckend, dramatisch erschütternd. Kurz danach ging meine Kollegin „eine rauchen“. Ich wollte nicht mit, so sehr steckte mir die COPD-Story in den Knochen.

Dabei habe ich vor einem Jahr meine Lunge überprüfen lassen. Röntgen und Lungenfunktionstest. Die Zeit nach der Untersuchung im Wartezimmer war die Hölle. Um mich herum hustende, gräulich gefärbte Gesichter und die Frage: Hat der Mann dort drüben, der so hoffnungslos vor sich hin starrt Lungenkrebs? Habe auch ich Lungenkrebs? Was, wenn die Diagnose „Lungenkrebs“ lautet?

Meine Hände waren feucht, mein Puls erhöht und ich hatte das Gefühl, die Leichenstarre lag schon vor mir auf der Lauer. Ehrlich? Ein absolutes Scheißgefühl.

Dann die Diagnose: Alles in bester Ordnung. Lungenvolumen sogar überdurchschnittlich. Sport und gute Gene. Ein paar mahnende Worte vom Arzt und der Entschluss, nicht mehr zu rauchen begleiteten mich bis ans Auto.

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...oder die Zigarette?

Dann zündete ich mir eine Zigarette an. Vor Erleichterung.

Bin ich eigentlich total bescheuert? Ich mache Sport – schon immer. Und rauche – schon immer?

Zwischendurch habe ich mal nicht geraucht. Habe wegen des Sports aufgehört, um nach drei Jahren wieder anzufangen. In der Schwangerschaft habe ich nicht geraucht, um nach der Stillzeit wieder anzufangen.

Noch bescheuerter! 30 Jahre! Mein Gott!

Ich stelle mir jetzt einfach nicht die Frage, ob bei mir noch was zu retten ist, oder das leichte Stechen auf dem linken Rippenbogen von der Wirbelsäule kommt.

Ich werde keinen Nichtraucherkalender führen oder das gesparte Geld in eine Rauchsau werfen. Ich werde das Rauchen ab morgen nicht mehr zum Thema machen, außer hier im Blog.

Soweit der Vorsatz. Die Zigarette sollte kein Thema sein, nicht einmal ein unwichtiges.

Denn es gibt wichtigeres im Leben. Ich mag mich mit diesem Stinkezeugs nicht mehr befassen müssen.

Ha! – „Müssen“ – Falle!

Ich muss gar nix! Ich will es einfach nicht mehr.

Wenn ab morgen die Zigarette in mein Hirn will und meine Lunge nach dem Gift lechzt, werde ich „Halts Maul und zieh Leine!“ schreien. Egal, wo ich bin und wer das hört. Einfach ausgedrückt: Ich mache mich lieber unmöglich, als dass ich mir wieder schnell „eine anstecke“.

Drückt mir Daumen!

Eure Marietta

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.