Samstag, 18. November 2017

Junge Fußballer: „Es hätte jeden treffen können.“

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Guten Tag!

Ladenburg/Heddesheim, 04. Mai 2010. Die brutale Fußtrittattacke gegen einen 15-jährigen Heddesheimer Spieler des Ladenburger Vereins FV 03 berunruhigt viele Eltern, aber auch die jungen Spieler: „Es hätte jeden treffen können.“

Von Hardy Prothmann

Heute war ein Teil der 16 jungen B-Fußballer des FV 03 wieder auf dem Platz beim Training. Die Stimmung ist gedrückt. Nach dem Training erzählen die jungen Fußballer, wie es ihnen geht.

Alle denken an ihren Vereinskameraden, der schwerverletzt in Heidelberg im Krankenhaus liegt. Der Kiefer und das Nasenbein sind gebrochen, Zähne wackeln. Drei Stunden lang wurde der junge Mann operiert.

B-Jugend beim Training: "Es hätte jeden treffen können." Bild: ladenburgblog

„Es hätte jeden von uns treffen können“, sagt einer. Ein anderer: „Es ist nunmal so, dass 70, 80 Prozent der Spieler in unserer Liga Ausländer sind. Aber die meisten wollen Fußball spielen, so wie wir – es gibt aber einige, die sehr aggressiv sind.“

Wie groß ist das Risiko?

Klar, jeder macht sich Gedanken nach dieser Attacke, die nichts mehr mit einem unnötig harten Foul zu tun hat, sondern ein hemmungsloser Fußtritt war, der eine massive Verletzung zur Folge hatte. „Was, wenn mir das passiert wäre? Soll ich weiterspielen oder ist das Risiko zu groß?“ Auch die Eltern reden natürlich mit ihren Jungs über den unfassbaren Vorfall.

Der stellvertretende Jugendleiter der jungen Kicker, Matthias Schmitt, sagt: „Der Schiedsrichter hat sich selbst in die Bredouille gebracht, weil er nicht von Anfang an konsequent eingeschritten ist.“ Mehr möchte Schmitt nicht sagen: „Die Sache ist jetzt beim Verband und wird dort geregelt.“

Ein Vater schildert den Ablauf so: Von Anfang an sei die gegnerische Mannschaft aggressiv aufgetreten und habe die Ladenburger Spieler, den Schiedsrichter und die Zuschauer übelst beschimpft. Es geschah – nichts.

Provokation in der 1. Halbzeit, Eskalation in der 2.

In der zweiten Halbzeit habe der Schiedsrichter versucht, die Lage in den Griff zu bekommen, wegen Schiedsrichterbeleidigung stellte er zwei Spieler aus Mannheim vom Platz, zwei weitere rote Karten und andere Strafen folgten. Die FV 03-Spieler lagen 0:2 hinten und dann 3:2 vorne.

„Dann ist alles ganz schnell gegangen. Der Torwart rannte bis zur Mittellinie und sprang dem Spieler von hinten mit gestreckten Beinen ins Kreuz. Der viel hin und als er sich aufrichten wollte, trat ein anderer ihm voll ins Gesicht.“

Der Heddesheimer Junge habe das Bewusstsein verloren und blieb schwer verletzt liegen. Danach kam es zu einem Handgemenge zwischen Betreuern, Spielern und Zuschauern. „Bis die Polizei mit fünf Streifenwagen und Hunden vor Ort war, hatte sich die Situation aber schon beruhigt.“

Die beiden Aggressoren, 17 und 16 Jahre alt, wurden in Handschellen vom Platz geführt.

„Der Krankenwagen hat 20 Minuten gebraucht, das ist eigentlich ein Skandal“, sagt ein anderer Vater.

„Wir wollen doch nur Fußball spielen.“

Thomas Thieme, Vorstand des FV 03, sagte: „Ich habe so etwas noch nie erlebt und betrachte es als Ausnahme. Trotzdem: Da muss man rigoros durchgreifen.“

Der Jugendleiter der Blau-Weiß Mannschaft aus Mannheim hat sich bei den Kollegen bereits entschuldigt. Angeblich soll die Mannschaft aufgelöst werden.

Matthias Schmitt sagt: „Ich finde das nicht richtig, wenn alle bestraft werden, weil zwei Spieler jegliches Maß verloren haben.“ Seine Jungs nicken. Einer sagt: „Wir wollen doch nur Fußball spielen.“ Und alle fragen sich: Wie?

„Mit einem solchen Vorfall hat niemand gerechnet“, sagt Schmitt. „Jetzt müssen wir uns bei jedem Spiel überlegen, ob wir antreten und ob wir, wenn die Stimmung aggressiv wird, das Feld verlassen.“ Die Jungs gucken – das will keiner, sie wissen aber nach dieser brutalen Attacke, dass es ihrem Schutz dient.

Der Schiedsrichter hat alles durchgehen lassen.

Einer der Väter sagt: „Ich habe die Tat genau beobachtet. Wer die Täter waren, ist klar. Aber der Schiedsrichter hat auch Schuld. Die ganze erste Halbzeit war schon durch Aggressivität und verbale Ausfälle der Gäste geprägt. Erst hat er alles durchgehen lassen und als die Ordnung auf dem Platz schon nicht mehr zu retten war, jede Menge Strafen verteilt. Dann gabs Gegentore und die sowieso schon aggressiven türkisch-stämmigen Spieler sind ausgerastet. Ab da wars zu spät. Innerhalb von Sekunden ist die Situation eskaliert.“

Der Mann ist selbst kein gebürtiger Deutscher. Auch Schmitt, der Trainer Michael Maurer und die jungen Spieler (Jahrgang 93/94) stellen fest, dass die Nationalität eigentlich keine Rolle spielen sollte. Aber: „Die aggressivsten Spieler sind überwiegend Türken. Ich weiß auch nicht, warum die so sind.“

Es ging nicht um was.

„Klar reden wir Spieler untereinander“, sagt ein anderer: „Und manchmal wird auch provoziert. Und Aggressivität gehört dazu, um sich durchzusetzen. Aber so?“ Er schüttelt den Kopf.

Beim Spiel der beiden Mannschaften ging es nicht wirklich „um etwas“. „Wir sind auf dem letzten Platz“, sagt einer, „und die Mannheimer auf dem vorletzten.“

Der schwer verletzte Heddesheimer Schüler steht kurz vor seinem Realschulabschluss. Und wollte danach eine Ausbildung beginnen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.