Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

Nur eine „Klamottenfrage“ oder doch viel mehr?

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Guten Tag

Ladenburg, 4. Oktober 2010. Unsere Kolumnistin Gabi fragt sich, wie Kinder sich heutzutage abgrenzen, wenn Eltern oft die gleichen Klamotten tragen und die gleiche Musik hören.

„Hot ma des awwl so?“, fragte mich meine Großtante – (ich weiß weder wie man das schreibt und kann es auch nicht wörtlich ĂŒbersetzen, wusste aber sinngemĂ€ĂŸ, was sie meinte) – als ich ein Teenager war und mich kleidete, wie es gerade angesagt war.

Sie sagte nie, wie schrecklich meine Henna gefĂ€rbten Haare zu dem ĂŒbergroßen grĂŒnen Pullover, den ich heimlich aus der Altkleidersammlung meines Vaters rausgezogen hatte, aussah. Ganz im Gegenteil, als ich ihr meine neuen geschnĂŒrten Stiefel zeigte, schlurfte sie in ihre Kammer und brachte mir schwarze Altdamen-Stiefetten herbei und meinte, die wĂŒrden mir sicherlich passen.

Was junge MĂ€dchen heutzutage tragen

Ihr Verhalten beruhte nicht auf großer modischer Toleranz, nein eher auf Verwunderung, „was die junge MĂ€dchen heutzutage tragen“.

Das war bei meinem Vater ganz anders. Die tĂ€glichen Diskussionen ĂŒber meine unordentlichen Haare am Abendbrottisch, sind mir noch gut – und in keiner guten – Erinnerung. Er flippte regelrecht aus, als er sah, dass ich mir ein zweites Ohrloch hatte stechen lassen, auch wenn ich das wochenlang unter meinen „unordentlichen Haaren“ verbergen konnte.

Die alte Lederjacke, ein ErbstĂŒck von meinem Großvater, mein ganzer Stolz, verursachte bei ihm einen Wutausbruch: „Mit so was gehst du nicht in die Schule“, erklĂ€rte er keine Diskussion zulassend.

Mein erster Freund hatte lange Haare, ein absolutes „No-Go“. „Einen Langhaarigen brauchst du nicht mit nach Hause zu bringen“, lautete seine klare Anweisung.

Wie Sie es sich sicher denken können, ich trug die Lederjacke weiterhin und blieb mit meinem Freund ĂŒber ein Jahr zusammen, aber ich tat jetzt alles so, dass er weder das eine noch das andere mitbekam.

Heute bin ich mir sicher, dass er um Beides wusste, aber sich so leichter vormachen konnte, dass ich mich an seine Gebote und Verbote hielt.

Sind wir eine tolerante Generation?

Meine Kinder sind jetzt im Teenageralter. Und wir gehören wahrscheinlich zu der Generation, die sich selbst fĂŒr die toleranteste hĂ€lt.

Tragen wir doch die gleichen Jeans und Tops wie unsere Kinder. Schon jetzt holt sich meine 12jÀhrige Tochter Klamotten aus meinem Kleiderschrank und auch ich habe mir hin und wieder einen Schal oder Modeschmuck von ihr ausgeliehen.

Mein Sohn trug seine Haare eine Zeit lang recht lang und ich war richtig enttĂ€uscht, als er sie abschneiden ließ.

Dennoch gibt es bei uns natĂŒrlich Diskussionen ĂŒber Stylingfragen. So ist die GrĂ¶ĂŸe der Ohrringe, die Farbe und LĂ€nge der NĂ€gel unserer Tochter eine stĂ€ndige Streitfrage. Kreolen, die bis zur Schulter reichen und knallroter Nagellack sind absolut tabu. Und da achtet vor allem mein Mann drauf.

Ich dagegen rege mich ĂŒber zu lange Jeans, deren Hosenbeine durch das Schleifen auf dem Boden ausfranzen besonders auf. Vor allem, wenn mein Sohn mir erklĂ€rt: „Das muss so sein“. Aber alles in allem laufen zumindest diese Diskussionen bei uns ziemlich „gechillt“ ab.

Beliebt bei Teenie-Eltern ist auch die Frage, um das wann und ob von Tatoos oder Piercings. Als sich vor einem Jahr die Tochter einer Freundin eine Blume am Knöchel tĂ€towieren ließ, verkĂŒndete ich, „das wĂŒrde ich nie erlauben“. „Hast du dir schon mal ĂŒberlegt, wie sich unsere Kinder von uns abgrenzen sollen“, entgegnete meine Freundin. „Meine Mutter war noch gekleidet wie eine Mutter und nicht wie die Ă€ltere Schwester, an ihren Kleiderschrank wĂ€re ich nie gegangen. Wir dagegen tragen die gleichen Klamotten und hören die gleiche Musik.“

Das gab mir zu denken und als ich kĂŒrzlich mit meiner Tochter bummeln war und eine diesen Herbst angesagte „Jeggings“ in der Hand hielt, schĂŒttelte meine Tochter nur den Kopf und meinte: „Mama, dafĂŒr bist du dann doch etwas zu alt.“

Da legte ich das KleidungsstĂŒck schnell ins Regal zurĂŒck.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.