Mittwoch, 19. September 2018

Stadtführung: „Ein schöner Spaziergang für schöne Fotos.“ (Oder: 7:22)

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Guten Tag!

Ladenburg, 03. Mai 2010. Unser Praktikant Robin Birr (16) hat sich als Heddesheimer in Ladenburg umgeschaut. Zwar kennt er Ladenburg ganz gut – trotzdem wollte er mehr über die Stadt wissen und nahm am 25. April 2010 an der Stadtführung des Ladenburger Heimatbunds teil. Ein Erfahrungsbericht.

Von Robin Birr

Ich bin ein typischer Ladenburg-Tourist. Im Sommer komme ich gerne in die Altstadt, um ein Eis zu essen.

Deswegen kenne ich die „Sehenswürdigkeiten“ der Stadt, also Wasserturm, Carl-Benz-Museum, den Hexenturm, die Altstadt. Vom Rumlaufen.

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"Zwei Türme, weil sich jemand wichtig nahm." Bild: Robin Birr

Die bekannten Sehenswürdigkeiten kenne ich also, ich weiß aber leider nicht viel darüber. Deswegen habe ich gerne meinen ersten eigenen Artikelauftrag angenommen und habe mich am Sonntag zur Stadtführung durch den Heimatbund eingefunden.

Ich habe zwar gesagt, dass ich als Reporter vor Ort bin, musste aber trotzdem wie alle Teilnehmer vier Euro bezahlen – die habe ich von der Redaktion zurückbekommen.

Los gings am Wasserturm – allerdings gab es überhaupt keine Informationen dazu. Das fand ich schade.

Neckar und Erde.

Dann wurde uns die Garage von Carl Benz gezeigt, an der Hauptstraße bekamen wir die Pflasterung erklärt: Die dunklen Steine symbolisieren den Neckar, die hellen die Erde.

Dann gings zur Stadtmauer mit Informationen, dass diese erneuert wurde. Anschließend gingen wir zum Rathaus, dass 1979 neu aufgebaut wurde. Dabei wurden Reste einer Festung entdeckt.

Die nächste Station war das Kunstobjekt des afrikanischen Künstler Jean-Luc Bambara, die für das Grünprojekt geschaffen wurde und hinter dem Lobdengau-Museum beim „Hirschgraben“ steht.

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So ging es Station um Station durch Ladenburg – allerdings nahm die Führerin keine Rücksicht auf Teile der Gruppe. Einige fotografierten noch, Frauen mit Kinderwägen kamen nicht so schnell hinterher – deswegen kamen einige der Informationen bei diesen Führungsteilnehmern nicht an.

Vielleicht liegts an meinem Alter – aber wirklich viel konnte ich mit der Führung nicht anfangen.

Zum Ende standen wir vor der St. Gallus Kirche und erfuhren Geschichten über irgendwelche Adlige. Mich hätte vielmehr interessiert, wie die Kirche gebaut wurde, also technische Sachen. Ich bin ja aber auch ein Mann. (Leider steht auch bei wikipedia nur was über prügelnde Pfarrer und Streit.)

Wie baut man sowas?

Sicher kann man bei einer Führung nicht jeden Geschmack treffen – meinen hat es nicht wirklich getroffen. Die Kirche hat mich wirklich interessiert. Auch die Stadtmauer. Wie baut man sowas?

Grundsätzlich finde ich es aber klasse, dass solche Führungen angeboten werden – weil man zumindest mal die wichtigsten Sehenswürdigkeiten kennenlernt. Und auch wenn nicht alles für mich interessant war. Interessant war, wie es zu zwei Türmen gekommen ist: Ein Bischof fand sich ganz wichtig.

Da hätte ich auch bei wikipedia nachlesen können – aber immerhin hatte ich einen schönen Spaziergang und habe viele Fotos gemacht.

Als wir losgingen, waren wir 22 Personen. Am Ende waren wir noch sieben.

Alle Bilder: ladenburgblog/robin birr

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Anmerkung der Redaktion:

Robin Birr ist 16 Jahre alt, lebt in Heddesheim und macht dieses Jahr in Weinheim seinen Realschulabschluss. Danach strebt er die Fachhochschulreife an. Robin ist bei der Jugendfeuerwehr Heddesheim und dort mit verantwortlich für den sehr guten Internetauftritt.

Robin ist unser erster Praktikant. Warum wir ihn genommen haben? Er hat sich bei uns beworben. Einfach so.

Dabei ist Robin ein eher zurückhaltender Typ. Keiner, der als erster „Ich“ schreit.

Die Redaktion bietet ein Praktikum an, dass sich mit dem Schulalltag vereinen lässt. Stunden- oder projektweise lernen die Praktikanten eine moderne Form der Medienproduktion und journalistisches Arbeiten.

Zur Zeit wird in Deutschland (heute Abend bei Anne Will) viel über das Schulsystem und die mangelnde Bereitschaft zur Leistung debattiert.

Vielleicht gibt es auch zu viele Debatten über Vorschriften, als darüber, wie man Schüler nach ihren Neigungen an einen Beruf heranführen kann.

Robin ist mit seinen 16 Jahren schon ein begnadeter Fotograf. Er hat Situationen im Blick und versteht es, deutlich, aber auch diskret eine Szene festzuhalten.

Wir haben die Führung in Ladenburg telefonisch besprochen. Sein „Auftrag“ war: „Lauf mit, hör Dir alles an, guck Dir alles an und achte drauf, obs Dich interessiert oder nicht. Obs Dich anspricht oder nicht. Obs Dich langweilt oder nicht. Ob Du Dir fragen stellst oder nicht? Mach die Augen und die Ohren auf und das schreibst Du auf. Gliedere den Text ruhig nach dem Verlauf. Und scheue Dich nicht, zu sagen, wie Du es wirklich fandest.“

Das hat Robin getan.

Robin ist hingegangen, hat zugehört und geschaut. Bei der Arbeit am Text hat er gelernt, seine eigenen Eindrücke zu formulieren und ihnen nicht unbedingt zu trauen. „Unsicherheiten“ mussten recherchiert werden. Robin hat sich aus vielen Quellen eine Meinung gebildet. Und gelernt, dass sein Bericht trotz ungefährem Verlauf kein Wortprotokoll sein darf, sondern es immer um die Frage geht, welche Meinung man hat oder haben darf. Artikel 5 Grundgesetz.

Als Reporter hat er aufgepasst und authentisch berichtet: 7:22.

Nach Auswahl und Besprechung der Bilder, ein paar Nachrecherchen (Danke, Frau Stahl!) war die Geschichte fast fertig. Robins erste Reportage bei uns.

Was fehlte: „Gibt es irgendeine Information, mit der Du Deinen Eindruck belegen kannst? Was Du schreibst, hast Du erlebt. Was, wenn jemand die Szene ganz anders beobachtet haben will?“

Robin sagte: „Ja. 7:22. Als wir losgingen, waren wir 22, am Ende sieben Personen. Ich habe gewartet, bis alle weg waren.“

Damit war sein Bericht fertig.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.