Samstag, 18. November 2017

Gabis Kolumne

„Ich habe noch nie einen Muttertag vergessen.“

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Guten Tag!

Heddesheim, 03. Mai 2010. Am kommenden Sonntag ist Muttertag. Das ist ein ganz besonderer Tag, sagt Gabi. Mutter zu sein, ist besonders. Es geht um eine Frage der Ehre.

Gleich nach dem Krieg pflĂŒckte mein Vater meiner Großmutter einen Strauß im Garten. Es war 1945, es war Muttertag und die BlĂŒten gehörten zu den liebevoll gepflegten ErdbeerpflĂ€nzchen.

„Aber ich konnte ihm natĂŒrlich nicht böse sein“, erzĂ€hlte meine Großmutter immer wieder.

Mutter, aber nicht böse sein?

Die Ehre war schön. Die BlĂŒten waren schön. Aber aus diesen „Blumen“ wuchsen keine Erdbeeren mehr. Mein Vater schenkte meiner Großmutter BlĂŒten – und gleichzeitig vernichtete er diese Ernte.

In meiner Kindheit brachte „4711“ jedes Jahr eine neue Sonderverpackung zum Muttertag heraus. Ich erinnere mich an einen Herzkarton, den man aufklappen konnte und den ich wunderhĂŒbsch fand.

FĂŒr mich war es das perfekte Geschenk fĂŒr meine Mutter und ich bewundere sie noch heute dafĂŒr, dass sie es sich nie anmerken ließ, dass sie den Geruch von „Köllnisch Wasser“ ganz schrecklich fand.

Mit 15 backte ich mit einer Freundin eine Erdbeertorte in Herzform, wunderhĂŒbsch. Leider fiel sie mir beim Transport vom GepĂ€cktrĂ€ger meines Mofas, was meine Mutter nicht daran hinderte den Kuchen köstlich zu finden.

Mutter zu Mutter.

Inzwischen weiß ich, welche DĂŒfte meine Mutter mag und Torten transportiere ich nicht mehr auf ZweirĂ€dern. Andererseits sind die Geschenke weniger originell.

Ich habe noch nie einen Muttertag vergessen – anders als mein Bruder. Vielleicht ist es auch nur GeschĂ€ftemacherei, wie die mĂ€nnliche HĂ€lfte der Bevölkerung immer wieder behauptet.

Aber spĂ€testens seit ich selbst Mutter bin, weiß ich es zu schĂ€tzen.

Meine Kinder brachten in der Kindergarten- und Grundschulzeit Basteleien und mit BlĂŒmchen umrahmte Gedichte mit nach Hause. Und vor allem seit meine Tochter jetzt etwas Ă€lter ist, bekomme ich meinen Kaffee ans Bett serviert.

Und natĂŒrlich ist das eine oder andere Geschenk mal daneben gegangen. Aber ich weiß inzwischen auch, wie man sich ĂŒber Duschgel freut, was man eigentlich nicht riechen mag und es natĂŒrlich brav auch zu benutzen.

Ich habe einen Winter lang einen Schal getragen, dessen Farben mir ĂŒberhaupt nicht gefallen haben. Eine aufgenommene CD von meiner Tochter höre ich tĂ€glich auf dem Weg zur Arbeit, auch wenn die Musik von Lady Gaga und LaFee eindeutig nicht meinem Musikgeschmack entsprechen.

Mutter oder Vater zu sein, ist eine Ehre.

Ich mag „Muttertag“, auch wenn ich mir 365 Tage im Jahr wĂŒnsche, dass meine Kinder hĂ€ufiger – und zwar freiwillig – im Haushalt helfen. „Was bringt dir so ein Tag im Jahr“, fragt mich mein Mann.

Das ist ganz einfach. Wer eine Frage hat, hÀlt inne.

Er fragt sich. Beispielsweise, was eine Mutter ist.

Aber ich mag auch den Hochzeitstag, und das heißt nicht, dass ich mich nicht auch an allen ĂŒbrigen Tagen ĂŒber einen Blumenstrauß freue.

Ich erinnere mich gerne, an diesem Tag eine Braut gewesen zu sein. Und davor und danach war und bin ich gerne Mutter.

„Das ist doch alles nur gut fĂŒr den Einzelhandel“, könnte ein Mann jetzt sagen.

Ja und?

Erstens muss die Wirtschaft ja angekurbelt werden und zweitens veranlassen uns Erinnerungstage zum Innehalten, zum Nachdenken.

Ich bin 365 Tage im Jahr Tochter. An einem Tag ehrt man mich fĂŒr meinen Geburtstag, der auch ein Ehrentag fĂŒr meine Mutter ist.

Ich bin selbst Mutter.

Und ich möchte gerne dafĂŒr geehrt werden.

Und ob mein Sohn „BlĂŒten“ pflĂŒckt oder „Blumen kauft“, spielt keine wirkliche Rolle.

Aneinander zu denken, sich zu ehren, das ist wichtig.

Deswegen habe ich noch nie den Tag meiner Mutter vergessen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.