Mittwoch, 17. Januar 2018

Erstes Asylcafé in der Martinsschule

„Wir hatten falsche Erwartungen“

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Unorganisiert oder erfolgreich? Das erste Asylcafé wurde unterschiedliche bewertet.

 

Ladenburg, 02. Oktober 2013. (red/ld) Es sollte ein Ort der Begegnung werden, an dem sich die in der Martinsschule untergebrachten Asylbewerber mit BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern ĂŒber ihre Erlebnisse und ihre Schicksale austauschen können. Jetzt arbeiten die Organisatoren daran, wie die Fehler des ersten Versuchs bei einem zweiten Termin vermieden werden können.

Von Lydia Dartsch

Am vergangenen Freitagnachmittag war es soweit: Das erste AsylcafĂ© fand statt. Die Bewohner der Martinsschule sollten Kaffee, Tee und Kuchen servieren. Besucher und Bewohner sollten so miteinander ins GesprĂ€ch kommen und sich austauschen ĂŒber die Geschichte, die hinter der Flucht der Menschen steht und deren Schicksal. Soweit die Idee und der Ablauf, wie ihn Pfarrerin und StadtrĂ€tin Petra Erl (SPD) erlebt hatte. In emails bedankten sich die Asylbewerber fĂŒr den Nachmittag, sagte sie uns.

FĂŒr Stadtrat Wolfgang Luppe (FDP), der zum AsylcafĂ© gekommen war, sah die RealitĂ€t chaotischer aus. Ein Programm gab es nicht. Das Buffet mit den selbstgebackenen und gespendeten Kuchen der GĂ€ste war wenige Minuten nach Eröffnung wie leer gefegt. Die Bewohner und die Besucher blieben meist unter sich. Außerhalb der Arbeitskreise waren keine GĂ€ste aus der Ladenburger BĂŒrgerschaft gekommen. Das sei als Test fĂŒr spĂ€tere öffentliche AsylcafĂ©s auch nicht gewollt gewesen, sagten Herr Luppe und Frau Erl. Der angestrebte Austausch habe, so der FDP-Stadtrat – kaum stattgefunden:

Wir hatten falsche Erwartungen von diesem Nachmittag und die Asylbewerber hatten andere Erwartungen als wir.

Es habe eine „fĂŒhrende Hand“ gefehlt, sagte er. Man habe Petra Erl erwartet, die die Arbeitskreise koordiniert, die den Asylbewerbern helfen wollen. Sie hĂ€tte die Bewohner und die GĂ€ste begrĂŒĂŸen sollen, sagt Herr Luppe. Frau Erl hĂ€tte auch besser die Aufgaben verteilen können: Es sei nicht klar gewesen, wer sich worum kĂŒmmern soll.

 

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Den Kindern hat vor allem das Kuchenangebot gut gefallen.

 

Beispielhaft dafĂŒr steht fĂŒr Herrn Luppe die Verteilung des Kuchens auf dem BĂŒffet. Die Idee, dass jeder sich ein StĂŒck nimmt, und sich mit einem der Bewohner unterhĂ€lt, sei nicht aufgegangen. Man mĂŒsse den Kuchen ausgeben, damit jeder etwas bekommt. Stattdessen war der Kuchentisch in wenigen Minuten wie leer gefegt:

Erst traute sich niemand an den Kuchen. Dann kamen, wie auf ein Signal, zuerst die Kinder angerannt, luden sich drei, vier StĂŒcke Kuchen auf den Teller und verschwanden.

Auch unter den Asylbewerbern seien die Aufgaben nicht klar verteilt gewesen, sagt Herr Luppe. Es habe eine Überforderung auf beiden Seiten geherrscht, die man beim nĂ€chsten AsylcafĂ© vermeiden wolle.

Einen Vorwurf macht er der Pfarrerin und StadtrÀtin Petra Erl aber nicht: Im Umgang mit Asylbewerbern seien sie alle Laien, sagte er. Möglicherweise könnte man den Rahmen beim nÀchsten Mal verkleinern. Insgesamt sei die Idee sehr spannend:

Diese zentrale Unterbringung von Asylbewerbern hatten wir noch nicht in Ladenburg. Das ist alles noch sehr neu fĂŒr uns.

Petra Erl dagegen versteht die Kritik an dem Ablauf nicht. Sie ist zufrieden mit dem ersten AsylcafĂ©: Manche Menschen brĂ€uchten einfach Ordnung und Struktur, sagte sie uns. Sie brauche das nicht und sehe die Kritik gelassen. Den Asylbewerbern habe der Nachmittag gefallen. Das zeigten die emails, in denen sich diese bei ihr fĂŒr das Engagement der Helfer bedankt haben.

Zum zweiten AsylcafĂ© soll die gesamte Ladenburger BĂŒrgerschaft eingeladen werden. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Am kommenden Montag werde man im Arbeitskreis besprechen, wie es kĂŒnftig weiter geht und wann das Asyl-CafĂ© wiederholt wird.

Über Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.

  • A. Bormann

    Ich war mit meiner LebensgefĂ€hrtin beim ersten AsylcafĂ© in Ladenburg dabei und wir waren von der AtmosphĂ€re und der Offenheit der Bewohner der Martinsschule sehr angetan. Wer eine akribisch geplante und durchorganisierte Veranstaltung mit Programmablauf in der Art einer KleintierzĂŒchter-Jahreshauptversammlung erwartet hat, ist sicher enttĂ€uscht gewesen. Doch darum ging es nicht! Die Ausgabe des Kuchens, die Festlegung der ZustĂ€ndigkeiten und die Verteilung der Aufgaben können noch optimiert werden – wichtiger waren aber die Bereitschaft der Menschen aufeinander zuzugehen, Interesse aneinander zu zeigen und miteinander ins GesprĂ€ch zu kommen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, war die Veranstaltung auf alle FĂ€lle ein Erfolg. Die vorhandenen Sprachbarrieren machten eine VerstĂ€ndigung zwar nicht immer einfach, unter den Asylsuchenden fanden sich jedoch schnell einige, die aus dem Englischen in die jeweiligen Landessprachen ĂŒbersetzen konnten. So war es fĂŒr uns kein Problem, mit den dort untergebrachten Menschen ins GesprĂ€ch zu kommen und auch einige Kontakte zu knĂŒpfen. FĂŒr die folgende Woche wurde dann auch gleich eine erste gemeinsame FreizeitaktivitĂ€t geplant und mittlerweile auch durchgefĂŒhrt. Unseren Tee bekamen wir ĂŒbrigens schneller und freundlicher serviert, als in manchem Nobelrestaurant der Region ;-).