Freitag, 22. September 2017

Erste-Hilfe-Apps im Test - auch lokal

Helfen – ja, aber mit dem Smartphone?

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Unser Testsieger: Die Erste-Hilfe-App des Samariterbund Österreich

 

Rhein-Neckar, 01. MĂ€rz 2013. (red/jkr) Ob Verkehrsunfall, verschluckte Erdnuss oder Herzinfarkt – urplötzlich muss man Ersthelfer sein. Und dann? 73 Prozent der Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen. Nicht unberechtigt, denn nur 3,5 Prozent der Befragten konnten die richtige Reihenfolge der zu treffenden Maßnahmen an einem Unfallort nennen. Können Erste-Hilfe-Apps im Notfall helfen? Wir haben einige unter die Lupe genommen.

Von Johanna Katharina Reichel

Wer hat nicht schon einmal auf der Autobahn im Stau gestanden, weil ein Unfall passiert ist? Wer hat nicht schon einmal im Freundes- oder Bekanntenkreis von einem Herzinfarkt gehört? Wer hat nicht als Kind irgendetwas angestellt, was ihn oder sie in Gefahr brachte?

Jedem von uns kann frĂŒher oder spĂ€ter in eine Situation kommen, in der wir als Ersthelfer gefragt sind. Doch liegt bei rund 40 Prozent der Erste-Hilfe-Kurs schon ĂŒber zehn Jahre zurĂŒck. Das ergab eine Studie des Samariterbunds Österreich. Viele Rettungsorganisationen haben daher so genannte “Erste-Hilfe-Apps” rausgebracht, die den Laien zur Ersthilfe ermutigen sollen.

Wir haben diese Apps auf Herz und Niere geprĂŒft mit der Frage: Taugen sie im Notfall wirklich etwas?

Acht Erste-Hilfe-Apps im Test

Unter dem Stichwort “Erste Hilfe” fanden wir spontan acht verschiedene Apps, die sich auf medizinische NotfĂ€lle fĂŒr Laien spezialisiert haben. Das sind: Erste-Hilfe-App Malteser, Erste Hilfe DRK, eErste Hilfe Rotes Kreuz, ASB Helfer, Notfall-Hilfe (Pass Consulting Group), Erste Hilfe (bronczesko), Audi BKK Notfall-Hilfe, Samariterbund Österreich

Die erste Frage war einfach: Welche dieser Apps wĂŒrde der durchschnittliche deutsche BĂŒrger installieren? Das schloss alle kostenpflichtigen und unseriös wirkenden Apps aus. Kostenpflichtig ist nur die App der DRK. Als unseriös sahen wir Apps an, bei denen Warnungen vor Kostenpflicht oder Telefonstatus/IdentitĂ€t-Auslesung zu finden waren. Darunter fielen die eErste Hilfe-App des Roten Kreuz und die Erste-Hilfe-App von bronczesko.

Das ließ fĂŒnf Apps zum Test auf einem Android-Smartphone ĂŒbrig. Diese lassen sich in zwei Gruppen teilen: die kleinen und die großen Apps. Die ASB-Helfer App und die App des Samariterbunds Österreich haben ĂŒber zwanzig MB GrĂ¶ĂŸe. Die Erste-Hilfe-App der Malteser, die Notfall-Hilfe der PASS Consulting Group und die Audi BKK Notfall-Hilfe sind alle kleiner als drei MB.

Erste-Hilfe-App Malteser:
Vom MenĂŒ der Erste-Hilfe-App der Malteser aus kommt man direkt zum Erste-Hilfe-Algorithmus bei VerkehrsunfĂ€llen. Alle anderen NotfĂ€lle sind auch zu finden, allerdings sind sie sehr versteckt. Bei den ErklĂ€rungen enthĂ€lt die App keinen Text sondern ein Bild, das die Erinnerung an den Erste-Hilfe-Kurs wecken soll. Allerdings war nicht jedes der Bilder selbsterklĂ€rend und auch die Diagnose eines Schocks kann man als Laie nicht immer einfach so stellen. Als besonders negativ fiel uns auf, dass die “ZurĂŒck”-Taste des Telefons die komplette App schließt. Insgesamt ist diese App eine nette Erinnerung, wenn man den Kurs lebensrettende Maßnahmen noch im Kopf hat, allerdings nicht fĂŒr den Notfall geeignet.

Notfall-Hilfe (Pass Consulting Group):
Dass ein Konzern zur Firmenberatung eine App zur ersten Hilfe veröffentlicht, hat uns erst einmal stutzig gemacht. Allerdings erwies sich diese App als erstaunlich nĂŒtzlich. Hier werden in kurzen Stichpunkten die Verhaltensmaßnahmen fĂŒr die wichtigsten Notfallsituationen abgearbeitet. Die MenĂŒfĂŒhrung ist sehr einfach und intuitiv und die App enthĂ€lt zwei Zusatzfunktionen.
Man kann zusĂ€tzlich eigene Notfalldaten hinterlegen und nach GPS-Bestimmung den nĂ€chsten Arzt nach Fachrichtung, die nĂ€chste Klinik, Apotheke oder Polizeistation suchen lassen. In dieser App war im Gegensatz zu der App der Malteser ein Abschnitt zur Reanimation von Kindern vorhanden. Nach kurzer medizinischer Recherche erwiesen sich diese Angaben jedoch als inkorrekt. Insgesamt nĂŒtzlicher als die Malteser-App und fĂŒr eine Notfallsituation geeignet.

Audi BKK Notfall-Hilfe:
Diese App enthĂ€lt genau dasselbe wie die Pass-App. Diese Texte sind gleich, die Bilder durch gleichwertige ersetzt. Das Layout allerdings ist anders. WĂ€hrend Pass in rotorange gehalten ist, ist das Audi-App weiß und mit einem sympathischen HauptmenĂŒ ausgestattet. Nicht nur ist die App dadurch besser zu lesen, sie hat auch zusĂ€tzlich eine Lichtfunktion. Im Notfall ist es sehr sinnvoll, wenn man das Handy als Taschenlampe nutzen kann. Ob PASS oder Audi BKK ist eine Frage des Geschmacks, beide sind fĂŒr Notfallsituationen gut geeignet.

ASB Helfer-App:
Das ASB-Helfer-App ist ein wunderbares Nachschlagewerk, um das Wissen aus dem Erste-Hilfe-Kurs wieder aufzufrischen. Über die einfache Bedienung kommt man schnell zu dem gesuchten Text und kann dort sehr gute, detaillierte Texte finden. Auch diese App hat einen Abschnitt ĂŒber Reanimation von Kindern, der leider fachlich falsch ist. Als einzige der getesten Apps hat diese App keine eingebaute Notruffunktion. Das Wichtigste ist jedoch, dass diese App keine kurzen Listen fĂŒr Notfallsituationen enthĂ€lt und daher fĂŒr diese ungeeignet ist.

Samariterbund Österreich:
Diese App hat eine intuitive Steuerung und kann wie alle anderen mit und ohne Internet seine Informationen anzeigen. Hier sind auch keine Notfalllisten zu finden, aber es gibt KurzerklĂ€rungen zu den einzelnen Maßnahmen (z.B. stabile Seitenlage). Allerdings sind diese ErklĂ€rungen auch in einem Fließtext, allerdings einem sehr kurzen und klar verstĂ€ndlichen. Auch diese App enthĂ€lt die Reanimation und sichere Seitenlage von Kindern, als einzige App sogar fachlich korrekt. Insgesamt eine wirklich sehr empfehlenswerte und vollstĂ€ndige App fĂŒr die wichtigsten Notfallsituationen.

Eine Anmerkung zu allen Apps:
Die meisten Handys haben als Grundeinstellung einen Bildschirmschoner, das heißt, der Bildschirm wird nach wenigen Sekunden der Nichtbenutzung schwarz. Dies schalten die Apps auch nicht aus. Somit muss man sein Handy alle paar Sekunden wieder aktivieren und kann es nicht als praktische Hilfe einfach neben sich legen. Auch muss man oft handeln, wĂ€hrend man liest. Es ist also schwer, wenn man keine zweite Person dabei hat. Tipp: Es nĂŒtzt nichts, so eine App auf dem Handy zu haben, um vorbereitet zu sein – man sollte sich schon vor einem Notfall mit dem Programm beschĂ€ftigt zu haben, um keine wertvolle Zeit mit dem Lernen der Bedienung oder dem Suchen von Informationen zu verschwenden.

Von den getesteten Apps ist die App des Samariterbund Österreich unser Sieger. Hier stimmen alle Informationen, die Bedienung und MenĂŒfĂŒhrung ist einfach und man gelangt blitzschnell zu guten, prĂ€gnanten Informationen. Auf dem zweiten Platz stehen die App Notfall-Hilfe der Pass Consulting GmbH und die App Audi BKK Notfall-Hilfe.

Helfen diese Apps wirklich?

Es ist eine schöne Idee, aber ich habe noch nie erlebt, dass jemand zu etwas benutzt hat. Erste Hilfe muss im Vorfeld geĂŒbt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in einem Notfall auf die Idee kommt, eine App runterzuladen, um zu wissen, was er oder sie jetzt machen soll,

sagt Ralf Mittelbach von der Freiwilligen Feuerwehr Weinheim. Die Feuerwehr hat auch schon selbst darĂŒber nachgedacht, solche Apps zu verwenden. Eine Überlegung waren zum Beispiel Tablet-PCs im Einsatz, um schneller an Informationen zu kommen. Hierbei ging es allerdings nicht um Informationen zu erster Hilfe, sondern zum Beispiel zu Gefahrengut und wie damit umzugehen ist.

Derzeit nutzen wir unsere Fachliteratur, Apps sind eher eine ErgÀnzung.

Was die Feuerwehr gerade testet, ist das App “Defi Now!”. Mit dieser App ist man in der Lage, schnell den nĂ€chsten AED, einen automatisierten externen Defibrillator, zu finden. Diese hĂ€ngen in vielen grĂ¶ĂŸeren GebĂ€uden fĂŒr NotfĂ€lle aus. Auch ein Laie kann mit den ErklĂ€rungen des AED einen bewusstlosen Patienten behandeln. Man muss das GerĂ€t nur anschalten, die Pads der ErklĂ€rung nach auf den Brustkorb des Patienten kleben und der Rest wird vom GerĂ€t gemacht.

Die App “Defi Now!” ist 392 KB groß und zur Zeit noch in der Testphase.

Wir haben der App alle lokal bekannten AEDs gemeldet. Leider sind noch nicht alle eingetragen, da Aktualisierungen nicht immer sofort vorgenommen werden. Solche Apps werden leider unterschiedlich gut gepflegt,

sagt Ralf Mittelbach.

Anm. d. Red.: Die Autorin dieses Artikels machte ein Kurzpraktikum in unserer Redaktion. Da sie angehende Ärztin ist, konnte ihre Expertise fĂŒr diesen Artikel genutzt werden.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.